Fangen wir einmal mit den positiven Aspekten der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 und der darauf folgenden weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise an. Zu nennen wäre da die Abwrackprämie. Rund zwei Millionen Deutsche leisteten sich dank des Staatszuschusses von 2500 Euro damals ein neues Auto. Zu nennen wäre auch das Kurzarbeitergeld. Dessen Leistungen wurden nach dem Bankencrash stark ausgeweitet, was geschätzt 1,5 Millionen Arbeitnehmern den Job sicherte.

Mehr Jobs als zu Beginn der Krise

Im Rahmen von zwei Konjunkturpaketen legte der Staat zudem beim Breitbandausbau, der Exportförderung oder dem Kindergeld eine Schippe drauf und schob die Finanzierung der E-Mobilität voran. Unter dem Strich standen Ende 2009 in Deutschland sogar mehr Jobs als zu Beginn der Krise, was den US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman bewog, von einem "deutschen Beschäftigungswunder" zu reden. Dieses setzte übrigens 2011 voll ein und hält bis heute an. Zieht man den Kreis weiter, hat der Aufstieg von Organisationen wie Attac oder Occupy Wallstreet eine kritische Kapitalismusdebatte befördert und so das Bewusstsein geschärft, künftig Krisen zu vermeiden.

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Alles gar nicht so schlimm also? Mitnichten! Unter dem Strich bleibt die weltweite Finanzkrise in Folge der Lehmann-Pleite ein finanzielles, aber auch ein politisches Desaster. Die beiden Konjunkturpakete, die Deutschland als Schutzmauern gegen den Flächenbrand an den Finanzmärkten 2008 und 2009 hochzog, kosteten die Steuerzahler mehr als 60 Milliarden Euro und trieben die Staatsverschuldung massiv nach oben. Um Banken, die damals nur Fachleuten ein Begriff waren, zu retten, flossen unvorstellbare Beträge. Allein die kollabierende Münchner Hypo Real Estate stützte der Staat mit gut Hundert Milliarden Euro.

Banken wurden sogar teilverstaatlicht

Institute wie die Commerzbank wurden teilverstaatlicht, um sie vor der Pleite zu retten. Deutschlands größte Landesbank, die WestLB, wurde abgewickelt. Die baden-württembergische LBBW überlebte nur knapp dank einer Fünf-Milliarden-Kapitalspritze. Wie fast alle anderen Geldhäuser auch, hatten die Manager im globalen Kasino-Kapitalismus das große Rad drehen wollen und dabei en passant Milliarden verzockt.

Dass bis heute fast keiner der damals Verantwortlichen – weder in Deutschland noch in Europa oder den USA – juristisch zur Rechenschaft gezogen und verurteilt worden ist, stellt im Nachhinein die gravierendste Krisenfolge dar. Warum kommen Banker, die durch ihr Handeln Millionen Existenzen zerstören, ungeschoren davon, wo doch beim kleinen Mann stets ganz genau hingeschaut wird, fragten sich die Bürger.

Eine befriedigende Antwort darauf bekamen sie nie. Vielmehr wurde in der Finanzkrise deutlich, dass Verantwortung keine Haftung nach sich zieht – zumindest, wenn man "too big to fail" ist – also zu groß, um fallengelassen zu werden. Diese Erkenntnis hat dazu beigetragen, die Menschen von Staat und Justiz zu entfremden. Insofern hat die Finanzkrise den Nährboden für das Misstrauen geschaffen, das derzeit nicht nur an den linken und rechten Rändern des politischen Spektrums gärt. Die Krise hat eine neue Krise hervorgebracht. Diesmal im politischen System.

Wirtschaft ist noch nicht über den Berg

Aber auch die Wirtschaft ist nicht über den Berg. Die Droge des billigen Geldes, die die Zentralbanken den lahmenden Ökonomien nach der Krise verabreichte, hat die Risiken für einen neuen Crash sogar erhöht. Heute ertrinkt die Welt in Geld. Anders als 2008 sind es aber nun nicht mehr nur die US-Immobilienbesitzer, die hoffnungslos überschuldet sind. Fast überall auf der Welt haben Staaten enorme Defizite aufgehäuft und hängen am Tropf der Zentralbanken.

Auch Firmen haben die Nullzinsphase genutzt, um sich mit Geld vollzupumpen. Mit unvorstellbaren 66 Billionen Dollar stehen Unternehmen weltweit derzeit in der Kreide. Das ist rund doppelt so viel wie 2008. Und wieder wird ein Gutteil des Geldes in Verbriefungen gesteckt und weiterverkauft – also just in jene hübsch zusammengeschnürten Päckchen toxischer Wertpapiere, die schon die vergangene Finanzkrise auslösten.

Was die Spekulationsblasen, die übrigens auch auf den Aktien- und Immobilienmärkten bestehen, zum Platzen bringen könnte, kann niemand genau vorhersagen. Ein Trump'scher Handelskrieg? Ein abrupter Zinsschritt einer Notenbank? Eine Bankpleite in Italien? Der Sturz eines Schwellenlands? Klar ist nur, dass die Summen, die im Feuer stehen, heute viel höher sind als vor zehn Jahren. Mit den Mitteln von damals wird eine neuerliche Kernschmelze des Finanzsystems nicht mehr zu löschen sein. Eine Expertenorganisation der US-Regierung drückte es jüngst so aus. Im Finanzsystem stünden die Zeichen auf "Alarmstufe Rot".

http://walther.rosenberger@suedkurier.de