Die Flüchtlingskrise hat in Deutschland für harte politische Auseinandersetzungen gesorgt. Dabei schwankte das Meinungsspektrum von einer euphorischen Zustimmung der Zuwanderung ("Willkommenskultur") bis zu einer kategorischen Ablehnung ("Untergang des Abendlandes"). Die Flüchtlingskrise sorgte sogar für Verwerfungen im deutschen Parteiensystem: Der Wahlerfolg der AfD und die historische Wahlniederlage der CDU bei den Bundestagswahlen im September wäre ohne die Flüchtlingekrise nicht nicht zu erklären.

Die Wissenschaft gilt im Gegensatz zur Politik als nüchtern und wertfrei. Sie soll im Idealfall analysieren, was ist, und sich mit politischen Wertungen zurückhalten. Doch gerade bei der Beurteilung der Zuwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten ist die Wissenschaft diesem Ideal nicht immer gerecht geworden, haben Tilmann Knop und Christian Mahler herausgefunden. Die beiden Studenten der Zeppelin Universität Friedrichshafen haben sich in einer Studienarbeit mit den ökonomischen Herausforderungen der Flüchtlingskrise beschäftigt und sind dabei zu einem ernüchterndem Ergebnis gekommen. "Die Wissenschaft beurteilt die Zuwanderung nicht ideologiefrei. Bestimmte Menschen analysieren nur gewisse Faktoren", sagt Tilmann Knop. 

Für ihre Arbeit sind Knop und Mahler, die in Friedrichshafen Soziologie, Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften studieren, von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung mit einem Förderpreis ausgezeichnet worden. Sie gewannen den mit 1000 Euro dotierten zweiten Platz der Ausschreibung zum Thema "Herausforderung: Einwanderung".

In ihrer Arbeit versuchen Knop, 22 Jahre, und Mahler, 23 Jahre, herauszufinden, welche Faktoren dafür entscheidend sind, ob uns die Zuwanderung langfristig ökonomisch nutzt oder unter dem Strich Kosten verursacht. Dabei kommen sie zum dem Ergebnis, dass es vor allem auf das Bildungsniveau, im Fachjargon Humankapital genannt, der Zuwanderer ankommt. Bildung müsse aber nicht zwingend mit akademischer Bildung gleichgesetzt werden, betonen sie. "Ein syrischer KFZ-Mechaniker nützt uns unter Umständen mehr als ein syrischer Jurist", erklärt Tilmann Knop. Denn das Wissen des Letzteren lasse sich nicht ohne weiteres auf das deutsche Rechtssystem übertragen, während ersterer – gegebenenfalls nach einer kurzen Weiterbildung – auch deutsche Autos reparieren könne.

Grundsätzlich mahnen Knop und Mahler aber zu Geduld. Der positive ökonomische Nutzen stelle sich frühestens nach zwei Jahrzehnten ein, vielleicht auch erst, wenn die Kinder der heutigen Flüchtlingsgeneration in den Arbeitsmarkt eintreten. Kurzfristig überwiegen die Kosten für Unterbringung, Weiterbildung und Sozialleistungen. Langfristig könne Zuwanderung dagegen den Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft abmildern. "Durch den demografischen Wandel ändert sich der deutsche Arbeitsmarkt drastisch und ist immer mehr auf Zuwanderung angewiesen", sagt Christian Mahler.

Emotionale Debatte

Zur aktuellen Debatte über die Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung – Stichwort Obergrenze und Einwanderungsgesetz – halten sich Knop und Mahler zurück. "Wir haben in unserer Arbeit bewusst keinerlei Wertung vorgenommen und wollen dies auch im Nachhinein nicht tun. Wir wollen keine politischen oder gesetzlichen Lösungen vorschlagen", sagen sie. Ihnen sei es nur um eine Versachlichung der oft zu emotional geführten Debatte gegangen.