Frau Meichle, sie sind die Chefin des größten Binnen-Yachthafens Deutschlands und verwalten in Kressbronn eines der knappsten Güter überhaupt – Boots-Liegeplätze. Wie lange muss man warten, bis man am Bodensee einen bekommt?

Liegeplätze können bei uns generell innerhalb der Familie von einer Generation an die Nächste weitergegeben werden. Wer als Bootsneuling in See stechen will, kann gleich loslegen, sofern er bei uns ein Neu- oder Gebrauchtboot findet, dass seinen Vorstellungen entspricht. Allerdings ist das nicht repräsentativ für den ganzen Bodensee.

Warum nicht?

Die allermeisten der knapp 24 000 Wasserliegeplätze am Bodensee sind in der Hand von Wassersportclubs oder -vereinen. Da gibt es lange Wartelisten. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Bodensee-Liegeplatz liegt meines Wissens nach bei etwa acht Jahren. Die Satzungen der Vereine bevorzugen zudem Ortsansässige. Allerdings sind die Kosten für einen Vereinsplatz mit einigen Hundert Euro pro Jahr auch günstiger als bei Privat-Marinas.

Also ist meist noch viel Geduld nötig, um am Bodensee Kapitän zu werden?

Ja, für Vereinsplätze trifft das zu. Allerdings verkürzen sich die Wartezeiten für Liegeplätze gerade spürbar.

Gehen die Leute am Wochenende jetzt lieber wandern als auf den See?

Die aktiven Wassersportfreunde, insbesondere die Segler, werden immer älter. Die meisten haben ihre Plätze irgendwann in den 1960er oder 1970er Jahren als junge Menschen gemietet oder gekauft und nie mehr abgegeben. Sie kommen jetzt in ein Alter, in dem sie ihr Boot aus körperlichen Gründen abgeben müssen. Gerade bricht dem Segelsport eine Generation erfahrener Bootsführer weg. Und nicht immer gibt es Familienmitglieder, die den Platz einfach übernehmen können.

Sonja Meichle
Sonja Meichle | Bild: Edmund Möhrle

Werden die Karten bei Seglern und Motorbootfreunden neu gemischt?

Zumindest ergeben sich durch die Demographie Chancen für Neueinsteiger. Allerdings sollte man sich nichts vormachen. Die Liegeplatzproblematik wird bleiben. Wer einen will, muss meist Wartezeiten in Kauf nehmen.

Was passiert mit den alten Booten, wenn die Senioren das Segel streichen?

Tatsächlich bemerkten wir zusehends, dass sich das Angebot an Gebrauchtbooten am Bodensee belebt. Gute Yachten gibt es mittlerweile in genügender Zahl und zum Preis von Kleinwagen, ab etwa 20.000 Euro. Viele sind zwar Jahrzehnte alt, aber gut gepflegt. Die Neukunden sind aber auch recht wählerisch.

Wie sieht das Traumboot der Segler und Motorbootfahrer heute aus?

Ein heutiges Boot sollte fast die Ausstattung einer Ferienwohnung haben. Toilette, Dusche und Küchenbereich sind auch bei kleineren Booten fast Pflicht. Alte Boote bieten das fast nie. Auf Deck geht der Trend hin zu weiträumigen Liegemöglichkeiten und großflächigen Beschattungsvorrichtungen. Alles sollte am besten digital vernetzt sein. Das betrifft auch die Häfen. Bei Ultramarin verlegen wir jetzt beispielsweise Glasfaserkabel auf den Stegen für Internet und TV. Generell werden Motorboote immer gefragter, Segelschiffe eher nicht.

Woher kommt das?

Für die heute um die 80-Jährigen war Segeln oft das einzige Hobby. Das war eine Herzensangelegenheit, und entsprechend viel Zeit nahmen sie sich für den Sport. Heute ist das anders. Der Arbeitsalltag erfordert mehr Zeit, aber auch das Spektrum der Freizeitaktivitäten ist größer geworden. Man hat nicht nur ein Hobby, sondern mehrere. Segeln ist da oft zu zeitintensiv.

Andere Branchen werden in solchen Situationen innovativ und versuchen Kunden mit neuen Angeboten zu binden…

Das tut die Wassersportbranche auch. Firmen gehen vermehrt dazu über, Rundum-Sorglos-Pakete für Bootsführer zu schnüren. Das reicht vom Komplettservice im Frühjahr und Winter bis zum Kühlschrankbefüllung fürs Wochenende auf dem Boot. Und die Branche hat ihre Charterangebote für Schiffe deutlich ausgeweitet. All das stößt auf eine stärker werdende Nachfrage. Insbesondere der Charterbereich boomt.

Wenn das Gelegenheitssegeln zur Regel wird, warum denkt man dann nicht über Sharing-Modelle nach, wie sie beim Auto längst üblich sind?

Tatsächlich hinkt Deutschland da hinterher. Die Schweiz ist weiter. Dort bieten Firmen Segeln als Selbstbedienung an. Für 28 Franken pro Stunde kann man beispielsweise auf 14 Schweizer Seen ein Boot per App mieten. Dazu kommt eine Registrierung beim Anbieter für mindestens 200 Franken. Der Dienstleister sorgt dafür, dass auf jedem Gewässer immer genügend Schiffe des gleichen Typ vorrätig sind. Solche Sharing-Modelle werden sich wahrscheinlich weiter durchsetzen.

Was sind die Hürden?

Anders als Autos sind Boote je nach Typ sehr unterschiedlich. Übertragen gesprochen sind der Zündschlüssel, die Bremse und das Gaspedal bei Schiffen überall woanders. Man braucht also relativ große Flotten gleicher Boote, auf denen sich die Mieter leicht zurechtfinden. Bei Motorbooten scheitern solche Ansätze noch an den potenziell hohen Schäden, wenn es zu Unfällen kommt. Da lohnt sich das Sharing für die Anbieter nicht.

Wie viele neue Segelschiffe werden jedes Jahr am Bodensee verkauft?

Da gibt es keine validen Zahlen, ich schätze aber, es ist maximal eine niedrige dreistellige Zahl. Ein Problem für das Neugeschäft ist, dass sich viele große Werften auf den Bau von Luxusschiffen konzentrieren und kleine Boote unter drei Meter Breite nicht mehr anbieten. In die meisten Boxen in den Bodensee-Häfen passen solche Riesen gar nicht mehr hinein. Es gibt also zu wenige Bootstypen, die binnenseetauglich sind. Für die Attraktivität des Segelns ist das natürlich nicht förderlich.

Ist Segeln ein Sport für Reiche?

Wer keine großen Ansprüche hat, kann auch günstig segeln. Ein Liegeplatz an Land für eine kleine Jolle kostet bei uns ab 300 Euro im Jahr. Dazu kommt das Neuboot selbst für 7000 Euro und natürlich die Kosten für Wartung und Betrieb. Das ist leistbar. Marina-Betreiber wie wir haben durchaus ein Interesse, den Sport bezahlbar zu halten, damit etwa auch junge Familien auf den See können. Wir brauchen einfach wieder mehr Seglernachwuchs.