Der Dieselskandal lässt Volkswagen noch immer nicht los. Allein in Nordamerika haben Vergleiche den Konzern mehr als 25 Milliarden Euro gekostet – und jetzt steht in Deutschland ein Mammut-Prozess mit Anlegern bevor. Die Verhandlung am Oberlandesgericht Braunschweig beginnt am nächsten Montag.

  • Darum geht es: Aktionäre fordern in einem Musterverfahren Schadenersatz in Milliardenhöhe für erlittene Kursverluste. Muster-Kläger ist die Deka Investment, Fondstochter des Sparkassenlagers. Die Richter müssen beurteilen, ob VW die Märkte rechtzeitig über die Affäre rund um millionenfachen Betrug mit manipulierten Dieselmotoren informiert hat. Unmittelbar nach Aufdeckung des Skandals durch die US-Behörden Ende September 2015 brach nämlich der Kurs der VW-Aktie ein – zeitweise verloren die Vorzugspapiere des Konzerns fast die Hälfte ihres Werts. Anleger erlitten heftige Verluste. Laut Gesetz müssen Nachrichten, die den Firmenwert beeinflussen können, umgehend („ad hoc“) veröffentlicht werden. Das habe VW versäumt, ist Klägeranwalt Andreas Tilp sicher. Am 18. September 2015 hatten die US-Behören ihre "Notice of Violence" veröffentlicht. Am 22. September 2015 verschickte VW die erste „ad-hoc“-Mitteilung und gab bekannt, rund 6,5 Milliarden Euro für die Bewältigung zur Seite zu legen.
  • Wer wusste was? In dem Rechtsstreit geht es auch um die wohl spannendste Frage zum Abgas-Skandal: Wer wusste wann was im VW-Konzern? Dabei geht es laut Klägeranwalt Tilp weniger darum, ob der frühere Konzernlenker Martin Winterkorn Bescheid wusste. Es reiche aus, wenn Manager der Ebene darunter Mitwisser waren, um den Konzern haftbar zu machen. Tilp betont, spätestens im Juni 2008 hätte Volkswagen zum Thema Diesel-Abgasreinigung und geltenden US-Stickoxidnormen sinngemäß veröffentlichen müssen: „Wir haben es nicht geschafft.“ Danach habe VW betrogen – und weil die Anleger das nicht wussten, hätten sie Aktien zu teuer gekauft.
  • So sieht es VW: In der VW-Klageerwiderung heißt es demgegenüber, die Ad-hoc-Pflicht setze „ein erhebliches Kursbeeinflussungspotenzial der betreffenden Information voraus“. Eine solche Kursrelevanz der Affäre habe beim Autobauer niemand gesehen, bis die US-Umweltbehörden am 18. September 2015 unerwartet mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen. Demnach ging der heutige VW-Aufsichtsratschef und frühere Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch noch kurz vor Bekanntwerden des Abgasskandals in den USA von Risiken von höchstens 150 Millionen Euro aus. Der Konzern stützt sich auf eine Risikoprüfung, die er im August 2015 von der US-Wirtschaftskanzlei Kirkland & Ellis erhielt. Darin heißt es zwar, der Konzern werde wohl nicht ohne Strafen davonkommen. Aber: Das höchste – bis dahin – je verhängte Bußgeld habe Hyundai mit rund 91 Dollar pro Auto gezahlt. Der Vergleich habe die Südkoreaner 2014 insgesamt 100 Millionen Dollar gekostet. VW erwartete denn auch, dass sich Strafzahlungen vermutlich im Rahmen der bisherigen Behördenpraxis bewegen würden. Das würde eine Größenordnung bedeuten, die bei Erlösen von mehr als 200 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2014 und Rückstellungen für Gewährleistungen und Kulanzen – ebenfalls im Jahresabschluss 2014 – in zweistelliger Milliardenhöhe laut Dokument keine Relevanz für den Kapitalmarkt hätte.
  • Das droht VW: Sollte sich Tilp durchsetzen, könnte dies VW Milliarden kosten. In 1645 Schadenersatzklagen werden Forderungen von 4 Milliarden Euro geltend gemacht. Insgesamt liegen 1668 Klagen über 9 Milliarden Euro vor. Wie immer es ausgeht – „es geht zum Bundesgerichtshof, egal wer gewinnt oder verliert“, meint Tilp. Er weist aber darauf hin, dass geschädigte VW-Aktionäe ihre Ansprüche bis spätestens Ende des Jahres geltend machen müssen, sonst sind sie verjährt. Möglichen Anspruch haben laut Tilp Aktionäre, die VW- und Porsche-Anteilsscheine zwischen Juli 2012 und 17. September gekauft haben.