Veronika Block ist heute schon vor 3 Uhr aufgestanden. "Ich muss von Gottmadingen nach Radolfzell fahren und trinke gerne vorher noch in Ruhe einen Kaffee", sagt die 60-Jährige. Ihre Schicht in der Produktion des Lebensmittelherstellers Hügli hat um 6 Uhr begonnen, aber Anzeichen von Müdigkeit versprüht sie in ihrer Pause nicht. "Ein Bürojob, das wäre nichts für mich", sagt sie. Seit über 20 Jahren ist sie ihrem Arbeitgeber treu. Und ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. "Ich will die 25 Jahre Betriebszugehörigkeit noch vollmachen", sagt sie. Endrik Dallmann, Geschäftsführer von Hügli Deutschland, hält erfahrene Arbeitnehmer wie Veronika Block für unverzichtbar. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen ohne die Erfahrenen funktionieren kann. Bei Problemen können die Älteren durch ihr Krisenmanagement Stabilität generieren“, sagt er.

Genau das hält Veronika Block auch für ihre große Stärke. "Wenn es hektisch wird, muss man die Ruhe bewahren. Dann geht Qualität vor Stückzahl", sagt sie. Andererseits dürfe man sich auf der Arbeit auch nicht ausruhen. "Nur vom Rumstehen hat noch keiner Geld verdient", sagt sie.

Arbeitnehmer wie Veronika Block sind derzeit gefragt. Der demografische Wandel zwingt Unternehmen ältere Arbeitnehmer möglichst lange an ihr Unternehmen zu binden. Vor allem große Konzerne wie BMW, Daimler, Bosch, ZF oder Deutsche Bahn, Telekom und Deutsche Bank nehmen das Demografie-Problem in Angriff. "Das Thema Demografie ist allgegenwärtig. Im gesamten Konzern existieren Programme und Projekte, um die Belange älterer Mitarbeiter zu berücksichtigen", sagt ein ZF-Sprecher. Ältere Arbeitnehmer seien wegen ihrer langjährigen Berufserfahrungen, ihrem Expertenwissen und ihrer fundierten Unternehmenskenntnisse unverzichtbar.

Kleinere Firmen und vor allem Handwerksbetriebe haben laut Experten größere Probleme. Hier fehlten oft die Ressourcen – etwa eine planende Personalabteilung: „Das operative Geschäft steht immer im Vordergrund. Der Prozess des Nachdenkens kommt dann meist erst aus der betrieblichen Not heraus – und die ist mittlerweile groß", sagt Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks, einem Zusammenschluss von mehreren Firmen.

„Konservativ gerechnet verlieren wir 6,5 Millionen Fachkräfte bis 2030 aus der Regelbeschäftigung heraus in die Rente. Das ist die Hälfte der Bevölkerung Baden-Württembergs“, sagt er. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet: Selbst bei 200 000 Zuwanderern pro Jahr werde 2060 die Zahl der Männer und Frauen im erwerbsfähigen Alter um rund 6,9 Millionen niedriger liegen als heute.

Dabei ist in den vergangenen Jahren die Zahl der älteren Beschäftigten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bereits stark gestiegen. Inzwischen ist etwa die Hälfte der 55- bis 65-Jährigen noch berufstätig. Auch international gesehen hat Deutschland damit einen großen Sprung gemacht, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC ergab. Die Kultur in deutschen Unternehmen habe sich geändert, sagt PwC-Geschäftsführerin Petra Raspels. Ältere Arbeitnehmer würden zunehmend wertgeschätzt. Zudem hätten die Hartz-Reformen Druck auf Ältere ausgeübt, da ihr Bezugsanspruch auf Arbeitslosengeld gesunken sei. Auch die historisch gute Lage am Arbeitsmarkt dürfte älteren Arbeitnehmern geholfen haben.

Nachholbedarf gebe es hierzulande noch bei der Beschäftigungsquote der 65- bis 69-Jährigen. Sie befinde sich trotz deutlicher Fortschritte nur bei knapp 15 Prozent. Auch beim tatsächlichen Renteneintrittsalter (2015: durchschnittlich 62,8 Jahre) und bei der Weiterbildung Älterer liegt Deutschland nur auf Platz 20. Es gelte immer noch, hartnäckige Vorurteile gegen Ältere abzubauen, sagt Raspels – etwa, dass sich Fortbildung nicht mehr lohne. „Langsam aber sicher klärt sich das Bild dahingehend auf, dass man ein Leben lang lernen kann“, sagt Kast.

Ältere Menschen haben zwar ein etwas geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Wenn sie ihren Job aber doch verlieren, ist ihre Chance, einen neuen zu finden, gerade mal halb so hoch wie für alle Arbeitslosen. Ihre Arbeitslosenquote ist überdurchschnittlich.

Statt des aktuellsten Fachwissens hätten ältere Mitarbeiter „Erfahrungswissen“, sagt Kast. „Sie wissen um Prozesse und Abläufe in Unternehmen. Sie wissen, an welchen Strukturen muss ich andocken, um Projekte zum Erfolg zu bringen.“ Eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Flexibilität spielten hier eine große Rolle. Die Möglichkeiten reichen von Altersteilzeit über Homeoffice bis zu Sportangeboten.

Die Deutsche Bahn etwa hat vor vier Jahren einen „Demografie-Tarifvertrag“ geschaffen. Ältere Kollegen mit besonders belastenden Tätigkeiten können ihre Arbeitszeit beispielsweise auf 81 Prozent verringern. Ihr Gehalt wird aber vom Arbeitgeber auf 90 Prozent aufgestockt. Das Modell ist laut der Bahn extrem erfolgreich: Seit Ende 2015 habe sich die Zahl der Mitarbeiter, die die besondere Teilzeit im Alter nutzen, verdreifacht – von 504 auf 1500. Auch Lokführer Martin Seibert aus Amberg in der Oberpfalz hat seine Arbeitszeit vor vier Jahren reduziert. „Das war ohne Probleme möglich“, sagt der 64-Jährige. Wenn er irgendwann in Ruhestand geht, würde er „weiter machen, solange man mich brauchen kann“, sagt Seibert. Ein wenig Arbeit gehöre für ihn zum Leben dazu. Auch DB-Personalvorstand Ulrich Weber sagt: „Ältere Mitarbeiter haben sich im Laufe ihres Arbeitslebens ein enormes Fachwissen und eine langjährige Berufserfahrung angeeignet.“ Von den neu eingestellten Mitarbeitern im vergangenen Jahr sei mehr als jeder Zehnte älter als 50 gewesen. „Zu alt“ gebe es nicht.

 

Warum immer mehr Ältere weiterarbeiten

Mit 65 plus ist Schluss? Nicht immer: Die Zahl der Menschen, die auch jenseits des Rentenalters noch arbeiten, hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt – von 5 Prozent im Jahr 2006 auf 11 Prozent im Jahr 2016. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Hintergründe sind vielfältig.

  1. .Was bedeuten die Zahlen genau? Die Statistik ist mit Vorsicht zu genießen. Die Zahlen basieren auf einer Definition der International Labour Organization (ILO). Erwerbstätig ist demnach schon, wer nur eine Stunde pro Woche für Geld arbeitet. Erfasst werden also auch Minijobber, Selbstständige oder Ehrenamtler, wenn ihre Tätigkeit vergütet wird. Dennoch deuten diese Zahlen einen Trend an.
  2. .Woher kommt der Trend? Viele Gründe liegen auf der Hand – die schrittweise Einführung der Rente mit 67, steigende Lebenserwartung und bessere Gesundheit. „Ältere sind noch leistungsfähig und wollen auch noch was tun. Es muss nur entsprechende finanzielle Anreize geben“, sagt Hilmar Schneider, Chef am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Früher sei das Gegenteil der Fall gewesen – da habe der Staat 55- bis 64-Jährige eher Richtung Vorruhestand gedrängt. Erst mit der Arbeitsmarktreform 2005 sei damit Schluss gewesen, sagt Schneider. Seitdem sei die Erwerbstätigen-Quote in dieser Altersgruppe stetig gestiegen, 2016 lag sie laut Eurostat bei knapp 69 Prozent. Und je mehr 55- bis 64-Jährige arbeiten, desto mehr kommen auch für ein Weiterarbeiten im Rentenalter in Frage.
  3. .Warum arbeiten Arbeitnehmer im Rentenalter weiter? Natürlich geht es dabei auch ums Geld: Für 37 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 65 und 74 ist die Arbeit wichtigste Quelle des Lebensunterhalts. „Die Gründe, warum Ältere weiter arbeiten, sind sicher vielfältig“, kommentierte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher. „Aus unserer Sicht belegen die Zahlen aber erneut, dass viele Menschen im Ruhestand arbeiten, weil sie mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen.“ Finanzielle Gründe oder die Angst vor Altersarmut können den anhaltenden Trend allein aber noch nicht erklären, sagt Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. „Für die meisten, die nach dem Rentenalter weiterarbeiten, ist Arbeit einfach positiv besetzt.“ Ihnen gehe es zum Beispiel darum, soziale Kontakte zu behalten oder sich weiter gebraucht zu fühlen.
  4. .Was haben Unternehmen davon? „Ältere Arbeitnehmer haben ein riesiges Erfahrungswissen, das so schnell nicht zu ersetzen ist“, sagt Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks und der Botschafter der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Angesichts des Fachkräftemangels könnten es sich viele Firmen nicht leisten, auf ältere Mitarbeiter zu verzichten. Das zeigt auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Firmen bemühen sich demnach vor allem um ältere Mitarbeiter, wenn es in ihrer Branche einen Mangel an Fachkräften gibt – im verarbeitenden Gewerbe etwa oder im Maschinenbau.
  5. .Was tun Unternehmen, um Ältere zum Bleiben zu überreden? Laut IAB setzen die Unternehmen vor allem auf flexible Arbeitszeitmodelle und generell kürzere Arbeitszeiten – und haben damit großen Erfolg. Wichtig seien darüber hinaus Bildungsangebote, sagt Jürgen Deller. Denn vielen älteren Arbeitnehmern gehe es auch darum, noch nicht zum alten Eisen zu gehören. „Da gibt es ja diverse Möglichkeiten, Fortbildungen oder Tandems mit jüngeren Mitarbeitern zum Beispiel.“
  6. .Wird der Trend zum Weiterarbeiten anhalten? Gut möglich. Denn jetzt gehen die Babyboomer in Rente – und die sind nicht nur mehr, sie sind oft auch besser qualifiziert als ältere Generationen. „Sie haben dann interessante Jobs und sind oft relativ gesund“, sagt Deller. „Dann bleiben die natürlich auch häufiger im Beruf.“ Voraussetzung ist aber, dass die Arbeitgeber mitspielen. „Noch haben aber nicht alle Unternehmen verstanden, wie wertvoll ältere Arbeitnehmer sind“, sagt Rudolf Kast.
  7. .Wie unterstützt die Politik das Weiterarbeiten? Seit Anfang 2017 gibt es das Gesetz zur Flexi-Rente für einen leichteren Übergang zwischen Arbeitsleben und Rente und für attraktiveres Weiterarbeiten jenseits der Altersgrenze. Weitere Anreize könnten nach der Bundestagswahl hinzukommen: CDU und SPD wollen die Flexi-Rente prüfen und eventuell verbessern, die Grünen wollen Teilrenten ab 60 attraktiver gestalten. Die FDP will ein festes Rentenalter ganz abschaffen – und so auch längeres Arbeiten belohnen.