Herr Schneider, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, den Rentnern geht es so gut wie noch nie und für die Schulabgänger und Uni-Absolventen gibt es genügend Ausbildungsplätze und Jobs. Ist gerade alles paletti in Deutschland?

Vordergründig ja. Aber man darf nicht übersehen, dass Deutschland jenseits dieser Durchschnittswerte ein tief gespaltenes Land ist. Wir haben zwar mit 44 Millionen so viele Erwerbstätige wie noch nie, aber darunter sind viele Leiharbeiter, Mini-Jobber, Niedriglöhner und Menschen in befristeter Beschäftigung. Vor allem Niedrigqualifizierte haben keine Chance, am wirtschaftlichen Aufstieg teilzuhaben. Immer mehr Menschen sind durch relative Armut gesellschaftlich abgehängt und verdienen nicht genug, um etwas für die Rente zurückzulegen. Wir gehen von 1,4 Millionen Rentner aus, die derzeit in Altersarmut leben.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat vorgeschlagen, das Rentenniveau bis ins Jahr 2040 stabil zu halten. Ist das angesichts der Schieflage im Rentensystem realistisch?

Ja. Unser Bruttoinlandsprodukt beträgt heute 3,5 Billionen Euro. 2040 werden es weit über 4 Billionen Euro sein. Wenn eines der reichsten Länder der Welt es nicht schaffen sollte, die Renten stabil zu halten, wäre das ein Armutszeugnis.

Müssen also die Renten durch das Steuersystem querfinanziert werden?

Wir brauchen einen Systemwechsel. Alle Arbeitnehmer, also auch Selbstständige, sollten in die Rentenkasse einzahlen. Zudem sollten Gutverdiener stärker als bisher an der Finanzierung der Renten beteiligt werden. Und schließlich müssen wir versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente durch Steuern finanzieren. Mit solch einem Mix ist eine gute Rente für alle finanzierbar.

Müssen wir in Zukunft länger arbeiten?

Nein, das halte ich nicht für nötig. Wer freiwillig länger arbeiten will, darf das natürlich. Aber ein Renteneintrittsalter von 70 geht an der Realität und am Willen der Menschen vorbei.

Aber werden nicht eines Tages aufgrund des demografischen Wandels die Jungen die Zeche für die Alten zahlen müssen?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt alte Millionäre und alte arme Schlucker. Und es gibt junge zukünftige Erben der Millionäre und junge Menschen, von denen wir jetzt schon sagen können, dass sie nie auf einen grünen Zweig kommen werden. Es gibt keinen Konflikt zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Arm und Reich.

Die SPD-Chefin Andrea Nahles hat kürzlich vorgeschlagen, die Sanktionen für Hartz-4-Empfänger zu lockern. Widerspricht das nicht der Grundidee "Fördern und Fordern" der Agenda 2010?

Ich halte es für richtig, die Sanktionen zu lockern. Denn viele Jugendliche, denen man Sanktionen androht, verabschieden sich und werden durch die Sanktionen in echtes Elend geführt. Und was für junge Menschen schlecht ist, ist auch für die Erwachsenen schlecht. Die Gruppe der Leistungsverweigerer ist verschwindend gering. Man sollte sich lieber auf die Vermittlung derjenigen konzentrieren, die arbeiten wollen.

Sollte man dann nicht lieber gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, wenn man ohnehin auf Sanktionen verzichtet?

Nein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein riesiger Umwälzungsapparat, da es ja jeder bekäme und man es den Reichen dann wieder wegnehmen müsste. Feinde des Sozialstaats würden ein Grundeinkommen nutzen, um Leistungen zu kürzen. Das wäre die endgültige und denkbar schlimmste Spaltung der Gesellschaft.

Hat der Mindestlohn für mehr Gerechtigkeit gesorgt?

Der Mindestlohn hat dafür gesorgt, dass die schlimmsten Verwerfungen Richtung Ausbeutung unterbunden werden konnten. Aber der Mindestlohn schützt nicht vor Armut. Dafür müsste er bei 12 bis 13 Euro liegen.

Wohnen wird immer mehr zur sozialen Frage. Wie kann der Staat Wohnungssuchenden helfen?

Früher waren vor allem Menschen mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt. Mittlerweile wächst die Problematik bis in die Mittelschicht hinein. Viele Familien finden keinen Wohnraum mehr. Dieser Missstand lässt sich nur durch einen Ausbau des sozialen Wohnungsbaus und durch eine Stärkung der Mieterrechte bekämpfen.

Immer Menschen wollen in den Städten wohnen. Gibt es ein Recht auf zentrumsnahes Wohnen?

Eine Wohnung ist keine Ware. Die Menschen müssen dort wohnen dürfen, wo sie ihre Heimat, ihre Freunde und ihre Arbeit haben. Auf dem Land gibt es kaum Arbeit. Man kann die Menschen nicht aus Profitgier aus den Innenstädten vertreiben.

Wird die Digitalisierung die Spaltung der Gesellschaft noch verstärken?

Die Digitalisierung birgt die Gefahr, dass Menschen ausgeschlossen werden. Das war schon beim Telefon, beim Fax-Gerät, beim Fernseher und beim Reisen so. Die Politik steht vor der Herausforderung den digitalen Zusammenhalt zu gewährleisten. Ich glaube aber nicht dass, durch die Digitalisierung eine Massenarbeitslosigkeit entsteht, wie manche Experten prognostizieren. Ich sehe eher die Gefahr dass wir zu einer Stände-Gesellschaft werden. An der Spitze stehen hochqualifizierte Facharbeiter, die die Roboter in den Industriehallen bedienen. Dann kommen im Dienstleistungssektor die Pfleger, Lehrer und Erzieher. Und darunter eine dritte Gruppe von Menschen, die bei den anderen die Wohnungen sauber macht, die Straßen reinigt und in den Cafés den Kaffee bringt.

Fragen: Thomas Domjahn