Was haben der Iran, China und Mexiko gemeinsam? Sie gehören zu den zahlreichen Ländern auf der Welt, die unter Donald Trumps Welthandels-Keule zu leiden haben. Seit einem Jahr hebt der einstige Immobilien-Mogul aus New York die Handelswelt Stück für Stück aus den Angeln.

Vor einem Jahr fing alles an

US-Präsident Trump greift damit nicht nur ins Rad der internationalen Handels- und Wirtschaftspolitik. Er nutzt wirtschaftliche Hebel auch zunehmend zur Durchsetzung außenpolitischer Interessen. Vor einem Jahr, als Trump nach dem Aufgalopp mit Stahl- und Aluminiumzöllen im Juni auch Sonderzölle auf Einfuhren aus China im Wert von inzwischen fast bescheiden anmutenden 50 Milliarden Dollar verkündete, fing alles so richtig an.

Riesiger internationaler Konflikt

Inzwischen scheint ein riesiger internationaler Konflikt zu toben. Trotz „selbst zugefügter Wunden“, wie IWF-Chefin Christine Lagarde es ausdrückt, wird er nicht mit Schusswaffen ausgetragen – sondern mit Geldflüssen.

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Trump hungert den Iran mit dem Mittel eines Ölembargos aus. Er versucht, Russland zu schaden, in dem er billiges US-Schiefergas nach Europa schippern lässt.

Trump verspricht Nordkorea blühende Landschaften, wenn das kommunistische Land zur Atomabrüstung bereit ist. In Großbritannien hintertreibt die Trump-Administration erfolgreich Bemühungen, den Brexit zu verhindern oder zumindest abzufedern – und winkt als Gegenleistung mit einem Handelsabkommen für die ausgezehrte Insel. Der EU droht er mit Auto-Zöllen, wenn das Handelsdefizit der USA nicht abgebaut wird. Zuletzt setzte Trump seine innenpolitisch motivierten Interessen an der Grenze zu Mexiko mithilfe einer massiven Zollandrohung durch. Das Prinzip ist nicht neu – Donald Trump hebt es auf ein neues Niveau.

Auch der EU hat Trump weitere US-Zölle angedroht.
Auch der EU hat Trump weitere US-Zölle angedroht. | Bild: Emmanuel Dunand/AFP

Zumindest kurzfristig hat Trump aus seiner verengten US-Sicht durchaus Erfolg. Er schadet denen, denen er schaden will, viel und den USA weniger. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat errechnet, dass die weltweite Wirtschaftsleistung im nächsten Jahr um 0,5 Prozent sinken könnte, wenn alle Zoll-androhungen zum Tragen kämen. Die unfassbare Summe von 402 Milliarden Euro würde dann an weltweiter Wirtschaftsleistung einfach weggewischt.

„China wird uns niemals einholen können“, sagt Trump – und gewährt damit ein wenig Einblick in seine Motivlage. Das enorme Handelsdefizit der USA mit China müsse abgebaut werden, Amerika sei zum Sparschwein der Welt geworden, das unverblümt geräubert worden sei.

Vor allem China leidet unter der derzeitigen Handelspolitik von Trump. Im Bild das Tor des himmlischen Friedens am Tian‘anmen Platz in Peking.
Vor allem China leidet unter der derzeitigen Handelspolitik von Trump. Im Bild das Tor des himmlischen Friedens am Tian‘anmen Platz in Peking. | Bild: Sven Hoppe/dpa

Es entbehrte nicht gewisser Ironie, als Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping den US-Präsidenten „meinen Freund“ nannte. Ausgerechnet auf russischem Boden beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg, wo er mit Wladimir Putin gemeinsam Front gegen die USA machte. Mit Trump verbindet Xi Jinping sicher keinerlei Freundschaft – hat ihm dieser doch die größte Krise seiner Herrschaft beschert. China ist der Hauptleidtragende des Handelskrieges, das Wachstum geht spürbar zurück.

Viel Wunschdenken

Hinter den Freundschaftsbekundungen steckt viel Wunschdenken. Denn Xi Jinping weiß, dass gerade alles auf eine Entkoppelung der beiden größten Volkswirtschaften und damit auf eine Unterbrechung der Liefer- und Produktionsketten hinausläuft. Seine Hoffnung schwindet, dass ein „Deal“ erreicht wird. So stimmte der Parteichef sein Land auf schwierige Zeiten ein.

Es geht nicht nur um den Handel

Der überraschende Schlag gegen den Telekomriesen Huawei, den Trump als Bedrohung für die Sicherheit der USA porträtiert, dürfte Xi Jinping die letzten Illusionen geraubt haben. Aus chinesischer Sicht hat längst ein neuer Kalter Krieg begonnen, mit dem die absteigende Supermacht USA die aufsteigende Macht China klein machen will. Es geht den Hardlinern in Washington nicht mehr allein um Handel. Sie wollen aus Pekinger Sicht nichts weniger als einen wirtschaftlichen Regimewechsel. Eine Fehlkalkulation? „Um es einfach zu sagen: Die USA überreizen ihr Blatt“, kommentierte Zhang Jun, Dekan der Wirtschaftsschule an der Fudan Universität in Shanghai, die Entwicklung.

Boomphase bis zum Wahltermin?

In der Zwischenzeit profitieren Länder wie Vietnam, Taiwan und andere von dem Handelsstreit, da sie jetzt mehr in die USA und nach China liefern können. Aber Firmen verlagern nicht unbedingt ihre Produktion in die USA, wie Trump hofft, dessen Gedanken hauptsächlich um den Wahltermin im nächsten Jahr kreisen.

Das Weiße Haus hofft, dass sich die bereits lange vor Trumps Amtsübernahme eingesetzte Boomphase noch möglichst lange bis zum Wahltermin hinzieht – und spart nicht mit Stimuli, in Form etwa von Steuergeschenken.

Gewagtes Spiel

Gerade in Bezug auf die Wahl 2020 treibt Trump ein auch für sich selbst gewagtes Spiel. Der IWF hat ihm erst kürzlich den Spiegel vorgehalten. Die wichtigsten Kennzahlen für die US-Volkswirtschaft sehen ganz gut aus. Doch im Inneren rumort es. Bei den weichen Faktoren – Sterblichkeitsrate, Bildung, Sozialwesen, Wohlstandsverteilung – stehen die USA ganz am Ende der Skala unter den wichtigsten westlichen Industrieländern. Trump hatte genau wegen dieser Missstände und der damit einhergehenden Unzufriedenheit die Wahl 2016 gewinnen können. Jetzt ist er selbst dafür verantwortlich, dass es nicht besser wurde. Der Handelskrieg wird ihm dabei vermutlich nicht helfen.