Das Unheil schlich sich auf leisen Sohlen an – selbst von Fachleuten und Politikern unbemerkt und unterschätzt: Alles sieht im Frühjahr 2007 nach einer auf die USA begrenzten Krise des dortigen Immobilienmarkts aus. Selbst als im September 2008 die traditionsreiche US-Investmentbank Lehman Brothers untergeht, hält mancher die Folgen – auch für Deutschland und Europa – für beherrschbar.

Gewaltigste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten

Am Ende jedoch steht die gewaltigste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten: Nahezu alle Volkswirtschaften auf dem Globus stürzen 2009 in eine Rezession, das junge Eurosystem gerät ab 2010 an den Rand des Abgrundes. Wann genau das Drama – im Verborgenen – begann, weiß niemand genau.

Zehn Jahre nach dem 15. September 2008, dem Tag, als die US-Notenbank der Investmentbank Lehman Brothers den Geldhahn zudrehte, ist die Vorsicht nachvollziehbar. Es war ein Schritt, der bis dahin als nahezu unvorstellbar galt. Selbst der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück bekannte, dass er die Entscheidung nicht verstanden habe.

Ein in das internationale Bankensystem eng verstricktes Institut fallen zu lassen – das galt als unwahrscheinlich. Ein paar Tage später drohte die Pleite des Versicherungskonzerns AIG. „Wenn die USA das zulassen, dann kollabiert das Weltfinanzsystem“, sagte Steinbrück später. Nur durch eine beispiellose internationale Zusammenarbeit von Politik und Notenbanken konnte die Krise eingedämmt werden. „Zum Glück haben die Zentralbanken richtig reagiert und großzügig Liquidität bereitgestellt“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Die Volkswirtschaften haben in den Abgrund geschaut, waren aber nicht wie 1929 hineingefallen.“

15. September 2008: Angesichts der Lehman-Pleite schlägt ein Börsianer in New York verzweifelt die Hände vor das Gesicht.
15. September 2008: Angesichts der Lehman-Pleite schlägt ein Börsianer in New York verzweifelt die Hände vor das Gesicht. | Bild: Foley/dpa

Dabei hatte sich das Desaster vor dem Zusammenbruch von Lehman, dem Höhepunkt der Krise, abgezeichnet. Ein Jahr zuvor war in Deutschland die Mittelstandsbank IKB in die Pleite gerutscht, mehrere Landesbanken waren in Schieflage geraten. Sie hatten wie die US-Investmentbanken auch in sogenannte Subprime-Papiere investiert. Die versprachen hohe Renditen, waren meist hochriskant und stellten sich als wertlos heraus.

Riskantes Spiel mit Hauskrediten

Dahinter verbargen sich Hauskredite, vergeben von US-Banken an Bürger, die sich ein Eigenheim gar nicht leisten konnten. Solche alles andere als erstklassigen (Subprime-) Kredite wurden von den Banken in Wertpapiere gebündelt und verkauft. Als die Zinsen stiegen und die Hauspreise fielen, wurde klar, dass die Hauskäufer die Kredite nicht würden zurückzahlen können. Die Subprime-Papiere verloren drastisch an Wert, sorgten für gewaltige Verluste.

Das Vertrauen der Banken untereinander weltweit sank dramatisch. Auch das Vertrauen in die Banken. Ein ganzes Bündel von Faktoren habe zur größten Finanzkrise seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts geführt, sagt Bundesbank-Präsident Weidmann. Übertreibungen, Regulierungslücken, Fehlanreize im Finanzsystem, völlig falsche Einschätzung von Risiken und der US-Immobilienmarkt, an dem heftig gezockt wurde.

US- und europäische Banken haben freilich nicht nur gezockt, sie haben ihre Kunden auch über den Tisch gezogen. Es hagelte Strafen in zweistelliger Milliardenhöhe, auch für die Deutsche Bank. Im August musste die Royal Bank of Scotland wegen des Verkaufs „toxischer“ Wertpapiere 4,9 Milliarden Dollar an die US-Behörden überweisen. Es dürfte auch zehn Jahre nach Ausbruch der Krise nicht die letzte Strafe für eine Großbank sein.

„Ihre Einlagen sind sicher“

Vor zehn Jahren war die Lage auch hierzulande so dramatisch, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Steinbrück (SPD) genötigt sahen, Sparer und Bankkunden zu beruhigen. Es drohte ein „Bank-Run“ und damit bei den Banken der massenhafte Abzug von Geldern. Damit hätte die Krise noch dramatischere Ausmaße angenommen. „Ihre Einlagen sind sicher“, betonen beide am 5. Oktober 2008, einem denkwürdigen Sonntag. 500- und 200-Euro-Banknoten waren ausgegangen, manche Geldautomaten funktionieren nicht mehr. „Das war ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt Steinbrück.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) versuchten, mit einer Garantie für Sparer die Märkte zu beruhigen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) versuchten, mit einer Garantie für Sparer die Märkte zu beruhigen. | Bild: Rainer Jensen/dpa

Die Bundesregierung schnürte ein 500 Milliarden Euro schweres Banken-Rettungspaket. Nebenbei musste sie die Commerzbank stützen. Das damals drittgrößte deutsche Geldhaus hatte sich an der rund sechs Milliarden Euro teuren Übernahme der Dresdner Bank verhoben. 18 Milliarden Euro an Steuergeldern retteten die Commerzbank, noch heute ist der Staat mit 15,6 Prozent größter Aktionär. Die Münchner HypoRealEstate wurde als erste Bank seit 1949 komplett verstaatlicht. Was dies alles den Steuerzahler am Ende gekostet hat, ist noch offen. 80 Milliarden Euro könnten es sein, schätzt der Bonner Finanzprofessor Martin Hellwig.

Die Finanzkrise hat den deutschen Bankensektor durcheinandergewirbelt. Die globale Bedeutung der Deutschen Bank ist dramatisch gesunken. Die der Commerzbank sowieso. Beide hinken heute meilenweit hinter US-Instituten hinterher. Die Dresdner Bank ist Geschichte, die Postbank wurde von der Deutschen Bank geschluckt, mehrere Landesbanken mussten unter das Dach anderer Landesbanken schlüpfen. Ist die Finanzwelt zehn Jahre danach sicherer? Müssen Anleger, denen Banken vor 2008 Zertifikate von Lehman als rentabel und als sicher verkauft haben, wieder bluten, wenn sie zu riskante Wertpapiere kaufen? „Sicherer, aber nicht sicher“ sei die Finanzwelt, sagt Hellwig. Einiges habe sich verbessert, heißt es auch beim Verbraucherportal Finanztest. Die Regulierung wurde massiv verschärft, die Banken müssen mehr Eigenkapital zur Absicherung ihrer Risiken vorhalten. Für mit Risiken verbundene Aktiva, etwa Kredite, müssen sie bis zu 13 Prozent Kapital vorhalten, gemessen an ihrem Bilanzvolumen drei Prozent.

In Europa wacht mittlerweile die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte europäische Bankenaufsicht (SSM) gemeinsam mit den nationalen Aufsehern über die Institute und das durchaus streng. „Wir können viel stärker und auch präventiver eingreifen“, sagt Sabine Lautenschläger, stellvertretende SSM-Chefin. Mittlerweile gibt es Abwicklungsregeln für angeschlagene Banken. Das soll verhindern, dass Institute wieder vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Hierzulande wacht der Ausschuss für Finanzstabilität mit Experten aus dem Bundesfinanzministerium, der Bundesbank und der Finanzaufsicht BaFin über die Lage.

ARCHIV - Die damalige Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank und das jetzige Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) und Vize-Chefin der EZB-Bankenaufsicht, Sabine Lautenschläger, steht am 01.06.2011 in Frankfurt am Main im Gebäude der Bundesbank in einem Gang.  Foto: Marc Tirl/dpa (zu dpa:"Zwischen Bankenaufsicht und Geldpolitik: Sabine Lautenschläger" vom 02.11.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Die damalige Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank und das jetzige Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) und Vize-Chefin der EZB-Bankenaufsicht, Sabine Lautenschläger, steht am 01.06.2011 in Frankfurt am Main im Gebäude der Bundesbank in einem Gang. | Bild: Marc Tirl (dpa)

Auch Bankkunden, Sparer und Anleger dürfen sich heute sicherer fühlen. Europaweit sind Einlagen pro Kunde und Bank bis zu 100 000 Euro abgesichert, in Deutschland geht die zusätzliche freiwillige Absicherung deutlich darüber hinaus. Über Finanzprodukte und die jeweiligen Risiken muss genau informiert werden.

Trotzdem ist die Gefahr einer neuen Finanzkrise nicht vom Tisch. Denn auch damals schlich sich das Unheil auf leisen Sohlen an.

Fünf Zahlen zur Finanzkrise

Der September und der Oktober 2008 waren Monate höchster Anspannung, nur mit Mühe konnte eine Kernschmelze des globalen Finanzsystems vermieden werden. Fünf Zahlen, welche Folgen der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers hatte.

 

800 Milliarden Euro: So viel Geld haben die sechs größten EU-Staaten und die USA in den Monaten nach dem Lehman-Crash im September 2008 aufgewendet, um die Finanzbranche mit Geldspritzen zu stützen. Nach Berechnungen der Finanzbranche entfielen auf die USA 471,5 Milliarden Euro, gefolgt von Großbritannien (129,2 Milliarden), den Niederlanden (80,4 Milliarden), Deutschland (74,3 Milliarden), Frankreich (30 Milliarden), Spanien (19 Milliarden) und Italien (10 Milliarden).

50 000 So viele Anleger waren aus Deutschland betroffen. Viele von ihnen hatten die Zertifikate der niederländischen Lehman-Tochter gekauft. Da die Zertifikate nicht der Einlagensicherung unterlagen, waren sie nach der Insolvenz wertlos. Nach Schätzungen von Verbraucherschützern hatten die Anleger bis eine Milliarde Euro investiert. In komplizierten Prozessen konnte ein Teil Vergleiche schließen, Teilentschädigungen oder Abschlagzahlungen aus der niederländischen Insolvenzmasse bekommen.

2500 Euro So hoch war die Abwrackprämie, die im Zuge des Konjunktureinbruchs für das Verschrotten alter Autos gezahlt wurde. Binnen eines Jahres gingen knapp zwei Millionen Anträge ein, der Fördertopf wurde auf fünf Milliarden Euro erhöht. Mit Milliardenspritzen wurde versucht, die Rezession abzufedern – und Hunderttausende Arbeitsplätze konnten durch Kurzarbeitsregelungen und Beitragsentlastungen der Arbeitgeber gerettet werden.

50 So viele Gesetze und Verordnungen listet allein das deutsche Bundesfinanzministerium als Folge des Lehman-Zusammenbruchs und der Finanzkrise auf. Bereits einen Monat nach der Lehman-Pleite wurde das Finanzmarktstabilisierungsgesetz beschlossen, von besonderer Bedeutung war das vom Namen her längste Gesetz: „Gesetz zur Abschirmung von Risiken und zur Planung der Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten und Finanzgruppen“.

27 Prozent So viel höher wäre nach Berechnungen der Deka Bank die Wirtschaftsleistung im Bodenseekreis heute, wenn die Finanzkrise ausgeblieben wäre. Dem Landkreis Konstanz brachte die Finanzkrise ein Minus von über 20 Prozent. „Kaum Auswirkungen hatten die Turbulenzen dagegen in den Landkreisen Waldshut, Sigmaringen und Schwarzwald-Baar“, erklärt Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. In ganz Baden-Württemberg sorgte die Finanzkrise für Einbußen von knapp 9 Prozent. Der Euroraum musste dagegen einen Rückgang von 14 Prozent verkraften.

 

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