Herr Haas, vor welchen Problemen steht die Textilindustrie durch das Coronavirus?

Hersteller in der Bekleidungsindustrie haben momentan damit zu kämpfen, dass der Handel zu ist. Produkte kommen nicht in die Regale. Einzelne Händler haben auch schon gesagt, dass sie die Ware nicht mehr brauchen und darum auch nicht bezahlen. Wir haben es da mit einem Warenstau zu tun, der die Bekleidungshersteller irgendwann in Liquiditätsprobleme stürzt. Das zweite Segment sind unsere Textilproduzenten, die Vorprodukte herstellen und oftmals an die Automobilindustrie liefern. Hersteller solcher Industrietextilien machen gerade hier in Baden-Württemberg einen Großteil unserer Mitglieder aus. Große Automobilwerke, die aktuell still stehen, rufen natürlich die Produkte nicht mehr ab. Das alles führt dazu, dass wir es sehr schnell bei einigen Unternehmen mit Problemen zu tun haben, die mit Kurzarbeit alleine nicht abzudämpfen sind. Dahin geht unsere Kritik: Wir haben Mitglieder, die in der Regel über 50 Mitarbeiter haben, wo die Soforthilfe des Landes und des Bundes im Moment überhaupt nicht greift. Der typische industrielle Mittelstand in Baden-Württemberg, der inhabergeführte Industriebetrieb, das sind Firmen zwischen 50 und 200 Leuten.

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Aber umfasst der Rettungsschirm des Bundes nicht auch größere Firmen?

Ja – mit Verweis auf Kredite. Das ist genau das Problem: Die gesamten Prozesse, etwa über Landesbanken oder Hausbanken, stehen noch nicht. Die Banken wissen nicht, wer etwas zu den Programmen sagen kann. Deswegen müssen Industriebetriebe über diese Phase hinweggerettet werden. Es geht nicht um Geldgeschenke, aber die Mittel müssen jetzt erst einmal fließen.

Peter Haas, Geschäftsführer Südwesttextil
Peter Haas, Geschäftsführer Südwesttextil | Bild: Südwesttextil

Was würden Sie sich da konkret wünschen?

Dass man tatsächlich die Möglichkeit zur Beantragung von kurzfristigen, das heißt, in wenigen Tagen überwiesenen, Geldern auch für Firmen mit zwischen 50 und 200 Mitarbeitern möglich macht. Wie man das dann nachher verrechnet, zum Beispiel mit Krediten – wenn sie dann mal funktionieren – darüber kann man ja mit der Politik reden. Aber ich halte es für wirklich blind auf dem Auge des Mittelstands, wenn man diese Firmen aus dem Programm ausschließt. Und Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut hat gesagt: Wir lassen keinen im Stich, keinen.

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Was passiert, wenn keine Soforthilfen fließen?

Dann ist nicht ausgeschlossen, dass es zu vermehrten Firmenpleiten und Jobverlusten kommt.

Wie ist die Lage in Baden-Württemberg?

Bei einer Umfrage unter unseren Mitgliedern meldeten über 70 Prozent Produktions- oder Lieferausfälle, fast 80 Prozent machen Kurzarbeit oder planen sie, 95 Prozent erwarten eine Verschärfung der Lage und 98 erwarten Verluste. Über 40 Prozent schließen Personalabbau nicht aus. Das sind dramatische Zahlen, aber wir glauben, dass das nicht nur uns betrifft, sondern im industriellen Mittelstand weit verbreitet ist. Wir werden Unternehmen verlieren, wenn da nicht schnell gehandelt wird, und das sind Infrastrukturen, die dann nicht mehr wieder kommen – denn das sind keine Niederlassungen von Weltkonzernen, sondern oft kleine Gesellschafterkreise und Familienbetriebe.

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