Vor eineinhalb Jahren brachen die "Panama Papers" über uns ahnungslose Normalverbraucher herein. Steueroasen tauchten auf, von denen wir glaubten, es gebe sie schon lange nicht mehr, Briefkastenfirmen, von deren Existenz man andeutungsweise gehört hatte. Geldwäscherei, komplizierte finanzielle Konstruktionen, die der Verschleierung und "Steuervermeidung" dienten. Die Enthüllungen hatten den Rücktritt des isländischen Premierministers Gunnlaugson zur Folge und die Amtsenthebung des pakistanischen Ministerpräsidenten Sharif. Wir erfuhren, dass also nicht nur Konzerne oder Milliardäre an den Betrügereien beteiligt waren, sondern auch hochrangige Politiker.

Und nun also die "Paradise Papers", so genannt, weil sie zum Großteil von einer Anwaltskanzlei auf den Bermudas stammen. 13,4 Millionen Dokumente, die der Süddeutschen Zeitung übergeben wurden, die, zusammen mit NDR, WDR und einem internationalen Verbund investigativer Journalisten (ICIJ), schon an der Auswertung der "Panama Papers" beteiligt war. Und die Geschichte geht von vorne los. Mehr als 120 Staats-, Regierungschefs und Politiker aus 47 Ländern sollen in den Unterlagen namentlich genannt sein. Bekannt geworden ist von ihnen bislang nur der amerikanische Handelsminister und Multimillionär Ross, der durch einen Fonds auf den Kaiman-Inseln mit russischen Oligarchen verbandelt sein soll. Man wird durch die neuerlichen Enthüllungen den Verdacht nicht ganz los, dass Rundfunksender und ein paar große Tageszeitungen mit solchen der Öffentlichkeit in Intervallen präsentierten Enthüllungen (es gab ja zuvor bereits die "Lux-Leaks" und die "Malta Files) über eigene Schwächen hinwegtäuschen wollen.

Zur Verwirrung des unbeteiligten Lesers trägt bei, dass es sich um Enthüllungen über Weltkonzerne wie den Sportartikelhersteller Nike oder den Computergiganten Apple (Letzterer verlangt von einem Firmensitz, dass dort garantiert keine Steuern anfallen) ebenso handelt wie über Privatpersonen. Die Auswertung der 30 000 Daten des Rohstoffgiganten Glencore, der Geld mit Sklavenarbeit im südlichen Afrika verdient und zur Steuervermeidung im Kanton Zug beheimatet ist, wäre interessant, aber auch die zu McDonald's, dem Bayer–Konzern oder der Deutschen Bank. Zu vernachlässigen sind dagegen der Sänger Bono, der als Minderheitsinvestor eines Einkaufszentrums in Litauen genannt wird, oder Formel-1-Weltmeister Hamilton, der durch das Leasen seines Privatjets vier Millionen Euro spart. Interessant sind bei beiden nur die Orte, an denen sie Steuern sparen: die Isle of Man und die Kanalinsel Guernsey, beides Steueroasen mitten in Europa.

Denen, die nach dem Austrocknen des Sumpfs rufen, sei gesagt: Die Schlupflöcher sind systemimmanent. In der EU existieren nach wie vor Steuerparadiese wie Luxemburg, Malta – wo eine Journalistin ermordet wurde, nachdem sie von mafiaartigen Zuständen gesprochen hatte – oder allen voran die Niederlande, deren Regierung offen zur Abwerbung von Konzernen durch Steuergeschenke steht.