Geheimnisvoll war die Sache mit den Steuern immer schon. Als nach dem Krieg der Alliierte Kontrollrat über Deutschland herrschte, verfügte er scharfe Anhebungen der Steuertarife bis zu einem Spitzensteuersatz von 95 Prozent. So viel vom Einkommen wollte natürlich niemand an den Staat abgeben. Deshalb waren die späteren Bundesfinanzminister bemüht, allerlei Vergünstigungen und Schlupflöcher in die Steuergesetze einzuarbeiten. Der Spitzensteuersatz wurde trotzdem abgesenkt. In späteren Jahren ist die Angelegenheit eskaliert. Die Grenzen wurden für den Handel geöffnet, nach und nach auch für den Kapitalverkehr. Nun konnten Investoren sich aussuchen, in welchem Land sie ihr Kapital einsetzen wollten. Schließlich entdeckten Politiker das Steuerrecht als Wettbewerbsinstrument, mit dessen Hilfe man Kapital regelrecht anlocken konnte: Wer den niedrigsten Steuertarif bot, dem strebte das Kapital nur so zu. So hoffte man jedenfalls.

Als US-Präsident Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahre die angeblich größte Steuersenkung der US-Geschichte durchsetzte, hoffte er genau auf diesen Effekt. Die niedrigen Steuersätze würden so viele Investitionen anlocken, glaubte Reagan, dass sich die Steuersenkung von selbst finanzieren würde. Das war lange vor dem Entstehen des Internets, als alles noch etwas länger dauerte. Und deshalb klappte der Plan nicht so richtig.

Das Beispiel machte trotzdem Schule. Irland lockte Exportindustrien und Finanzdienstleister mit niedrigen Steuersätzen an, die Slowakei führte eine Flat-Tax mit niedrigem Steuersatz ein. Steueroasen waren damals noch Länder mit striktem Bankgeheimnis, von denen niemand erfuhr, wer wo wie viel Geld gebunkert hatte. Und wie viel Erträge der Anleger dort erwirtschaftete.

Heute stellt sich heraus, dass viele, sehr viele Länder auf irgendeinem Gebiet Steueroasen sind. Die Niederlande mit ihren überseeischen Besitzungen, Großbritannien, Luxemburg sowieso, einzelne US-Bundesstaaten, diverse Inselstaaten wie Cayman oder Malta. Und nun haben normale Staaten mit normalem Steuerrecht große Schwierigkeiten, von findigen Großkonzernen und sehr reichen Einzelpersonen überhaupt noch angemessene Beiträge zur Finanzierung ihrer anspruchsvollen Dienstleistungen einzutreiben.

Kontrollverlust der Staaten

Der Steuerwettbewerb hat sich gegen die Konkurrenten gewendet. Nicht mehr die Staaten sind die Handelnden, vielmehr spielen Unternehmen und andere „Steuerzahler“ die Staaten gegeneinander aus und nutzen jedes Schlupfloch, um Steuerzahlungen zu vermeiden. Das kann man so weiterlaufen lassen. Doch irgendwann werden die Lohnsteuerzahler, die keine Chance auf vergleichbare Steuervermeidung haben, sich das nicht mehr bieten lassen. Obendrein werden internationale Konzerne, die bisher noch brav ihre Steuern gezahlt haben, sich fragen: warum eigentlich? Warum nutzen wir die Schlupflöcher nicht ebenso wie unsere Konkurrenten? Nach Lux-Leaks und Swiss-Leaks, nach den Panama und den Paradise Papers muss die internationale Finanzpolitik reagieren.

Sonst werden es die Bürger tun.