Viele Gymnasiasten gehen freitags nicht mehr in die Schule, sondern auf die Marktplätze, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Ihr Vorwurf ist kein geringerer als der, dass die älteren und derzeit politisch maßgeblichen Generationen den Planeten zerstören, auf dem sie einmal leben wollen. Bemerkenswert daran ist nicht nur das Ausmaß der Panik, das manche von ihnen offenkundig ergriffen hat, oder die Überzeugung, irgendetwas werde sich bessern, wenn Schüler 20 Prozent weniger lernen.

Nein, das Auffälligste ist die Tatsache, dass die angegriffenen Politiker(innen) nichts Eiligeres zu tun haben, als den demonstrierenden Schülern beizupflichten. Man mag die Forderung von Justizministerin Barley, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken, noch als Wahlkampfgetöse abtun. Aber wenn selbst unsere „Klimakanzlerin“ Verständnis dafür äußert, dass ihr zu wenig Eile bei der CO2-Reduktion vorgeworfen wird, muss man hellhörig werden. Eine 16-jährige Klima-Ikone nennt es „absurd“, dass Deutschland noch bis 2038 Kohle verstromen will, und von den Politikern, die den Kohle-Kompromiss umsetzen müssen, kommt kein Widerspruch.

System der Besteuerung des CO2-Ausstoßes

Das Land befindet sich im kollektiven Begeisterungsrausch darüber, dass die junge Generation politisch aufwacht und sich für die Rettung des Planeten einsetzt, und keiner hat den Mut, diesen Weltrettungs-Fantasien Fakten entgegenzusetzen: Anders als andere Regionen hat Europa ein funktionierendes System der Besteuerung des CO2-Ausstoßes in den wichtigsten Wirtschaftszweigen einschließlich der Stromerzeugung, mit dem die Gesamtmenge begrenzt und jedes Jahr um etwa 2 Prozent gesenkt wird. Eine Stilllegung von Kohlekraftwerken hat bis Ende 2020 überhaupt keinen Einfluss auf den CO2-Ausstoß und ab 2021 nur dann, wenn gleichzeitig Emissionsrechte gelöscht werden. Ob das geschehen wird, ist keineswegs sicher.

Keiner demonstriert in Moskau oder Peking

Im Pariser Klimaabkommen hat die EU mit 9 Prozent Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß zugesagt, diesen bis 2030 im Vergleich zu 2005 um 35 Prozent zu senken, während Russland (Anteil 5,3 Prozent) seinen Ausstoß um 10 Prozent steigern will und China (Anteil 24 Prozent) seinen Ausstoß sogar um fast 40 Prozent erhöhen will. Aber niemand schlägt vor, die nächste Freitags-Demonstration vor dem Kreml in Moskau oder auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking abzuhalten.

Abhängigkeit würde zunehmen

Ganz ernsthaft ist zu fragen, was geschehen würde, wenn die Regierung, um wieder Ruhe vor den Schülerprotesten zu haben, einen schnelleren Kohleausstieg beschließen würde? Die Kohle müsste dann noch eher durch Gas ersetzt werden, die Abhängigkeit vom Haupt-Gaslieferanten Russland würde zunehmen, der Strompreis steigen und energieintensive Produktion in Länder verlagert, die es mit dem Klimaschutz weniger ernst nehmen. Der Wohlstand in Deutschland würde sinken, dem Klima wäre aber in keiner Weise geholfen. Man fragt sich, wann Frau Merkel auf einer Demonstration auftritt und den protestierenden Schülern erklärt, dass Klimaschutz nur durch verbindliche internationale Verträge erreicht werden kann und dass dies, wie Paris gezeigt hat, ein äußerst mühsames Geschäft ist, wohingegen nationale Alleingänge vollkommen unnütz sind.

Der Verfasser lehrt Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Universität Konstanz und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium.