Um in die Tiefe der Seele vorzudringen, benötigt Precire genau 15 Minuten. So lange muss ein Mensch mit dem Computerprogramm telefonieren, um eine Stimmprobe abzugeben. Was dann passiert, bezeichnen die Hersteller als "Natural Language Processing Data Mining": Die Software zerlegt die Sprache in unzählige kleine Bausteine. Tonlage, Wortwahl, Satzbau, Sprachgeschwindigkeit und -rhythmus werden analysiert und mit Tausenden gespeicherten Aufnahmen verglichen. Am Ende erstellt Precire ein psychologisches Profil des Sprechers. So jedenfalls lautet das Versprechen des Herstellers.

Was zunächst wie Science-Fiction klingt, existiert tatsächlich. Vor drei Jahren hat sich die Precire Technologies GmbH (ehemals: Psyware) in Aachen gegründet; inzwischen vertreibt sie ein marktreifes Produkt. Verschiedene Großunternehmen nutzen Precire bereits. So hat der Frankfurter Flughafen nach eigenen Angaben eine sechsstellige Summe investiert. Die künstliche Intelligenz unterstützt Personalabteilungen dabei, geeignete von ungeeigneten Kandidaten zu unterscheiden. Ist jemand fleißig oder faul? Kommunikativ oder introvertiert? Fröhlich oder depressiv? All das soll die Software innerhalb von 15 Minuten herausfinden.

"Das Verfahren ist nicht nur schneller als traditionelle Einstellungstests, sondern viel objektiver", sagt Precire-Chef Dirk Gratzel. Der Computer analysiere allein die Daten, auf die er programmiert sei. Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Vorlieben interessierten die Software nicht. Es gehe allein darum, den passenden Kandidaten für eine bestimmte Stelle zu finden. Zumal der Inhalt der Aufnahme überhaupt nicht zähle. Precire erkenne vielmehr, wie man etwas sagt, also welche Wörter ein Sprecher kombiniert und wie häufig er sie verwendet. "Jeder spricht anders", erklärt Gratzel. "Ein neugieriger Mensch unterscheidet sich zum Beispiel in 500 bis 1000 Aspekten von anderen Menschen."

Welche Aspekte das sind, weiß Gratzel selbst nicht genau. Die intelligente Software hingegen schon: Bevor Precire auf den Markt kam, wurde die Datenbank mit den Persönlichkeitsprofilen von knapp 6000 Probanden gefüttert. Diese waren zuvor mit den Methoden der klassischen Psychologie untersucht worden. Vereinfacht gesagt sollte die Software durch diesen Input lernen, wie etwa ein depressiver Mensch spricht – im Gegensatz zu einer Frohnatur. Als Einsatzgebiet für Precire ist folglich nicht nur das Personal-Management denkbar. Versicherungen könnten Betrüger leichter enttarnen, ebenso die Polizei. Zumindest dann, wenn die Vorhersagen stimmen.

Ein Team von 30 Psychologen, Linguisten und Informatikern soll bei Precire genau das sicherstellen. Darüber hinaus wird die Firma von einem externen Beirat aus Wissenschaftlern unterstützt. Einer von ihnen ist Siegfried Gauggel, Direktor am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Uniklinik Aachen. "Ich finde dieses Projekt interessant", sagt Gauggel, "aber ich würde das Ganze vorsichtig sehen." So sei er sich nicht sicher, ob Precire wirklich eine Depression vorhersagen könne. "Solche Urteile sind nie hundertprozentig, es gibt immer Messfehler", bemerkt Gauggel. "Wir arbeiten zurzeit daran, diese Fehler zu verringern." Wunder solle man trotzdem nicht erwarten.

Precire-VoiceCheck.
Precire-VoiceCheck.

Skeptischer sieht Fredi Lang vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen die Erfindung. "Die Genauigkeit von Precire ist nicht belegt", kritisiert Lang. „Das sind reinste Werbeversprechen.“ Lang verweist auf eine von Precire in Auftrag gegebene Studie der LMU München („Validierung des Precire-VoiceCheck“, April 2015). Darin wurde die Stressbelastung von Probanden per Stimmanalyse gemessen. „Ob Precire in der Lage ist, zuverlässig eine erhöhte […] Stressbelastung zu erkennen, kann durch die vorliegenden Daten nicht eingeschätzt werden“, heißt es im Studienbericht. Zumal etwa die Hälfte der Teilnehmer Studierende waren. "Das ist schon eine sehr spezielle Gruppe", sagt Lang. "Wenn Sie mit diesen Daten einen Stahlarbeiter einstellen wollen, können Sie nicht sagen: ‚Das Verfahren ist geprüft.‘" Auch die Vorhersagekraft des Algorhythmus‘ sei fraglich. „Menschen ändern sich – und man stellt Mitarbeiter für Jahre ein.“

Unabhängige Studien, die den langfristigen Erfolg von Precire messen, gibt es bislang nicht. Joachim Scharloth, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, stellt die Aussagekraft derartiger Software insgesamt in Frage: "Es gibt in Teilen der Öffentlichkeit eine große Faszination von künstlicher Intelligenz und Deep Learning, die teilweise auch ökonomisch ausgenutzt wird", sagt Scharloth. "Bei Fragen, bei denen es aber kein einfaches Richtig oder Falsch gibt, braucht es ein komplexeres Menschenbild."

Noch größere Bedenken äußert Nils Schröder, Sprecher der Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen. "Ich halte diese Sprachsoftware für bedenklich, weil sie tief ins Persönlichkeitsrecht eingreift", warnt Schröder. „Das Verfahren stellt sich für Nutzer als Blackbox dar, weil man nicht genau weiß, wie es funktioniert.“ Bei Bewerbungsverfahren hält der Datenschützer den Einsatz für schlicht illegal. "Von Freiwilligkeit kann da keine Rede sein. Man steht unter Druck, die Prozedur so durchzuführen, wie das Unternehmen es wünscht." Dabei gebe es erprobte Verfahren, die weit weniger in die Grundrechte eingriffen. Als Konsequenz wollen die Datenschützer hart durchgreifen. „Wir sind mit den Behörden der anderen Länder im Gespräch, um ein Verbot zu prüfen“, sagt Schröder. Für sein Bundesland sei die Sache bereits klar: "Wenn eine Firma die Software in Nordrhein-Westfalen einsetzt, werden wir dagegen vorgehen."

Langweilig dürfte es den Datenschützern nicht werden, denn das Silicon Valley setzt ebenfalls auf die Macht der Worte: Mit "Amazon Echo" und "Google Home" können sich Privatleute neuerdings ihre eigenen Sprachassistenten ins Haus holen. Und eine 24-Stunden-Überwachung gleich mit.