Die deutsche Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt, in weiten Bereichen herrscht Arbeitskräftemangel. Aber, und das ist die verstörende Nachricht, die private Verschuldung steigt weiter an. Jeder zehnte Haushalt in Deutschland ist gegenwärtig überschuldet, kann also durch das erwirtschaftete Einkommen seine Schulden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zurückzahlen. Der von der Wirtschaftsauskunftei creditreform jüngst publizierte Schuldneratlas dokumentiert drei weitere bedenkliche Trends.

Regionale Unterschiede

Erstens variiert der Anteil der überschuldeten privaten Haushalte regional. Je weiter im Norden die Haushalte leben, desto erdrückender ist die Schuldenlast. Zweitens zeigen die Daten, dass nicht mehr Arbeitslosigkeit die Hauptursache für private Überschuldung ist, sondern die Wahl des Wohnortes. Der angespannte Wohnungsmarkt führt dazu, dass Menschen ihren Wohnwunsch stärker durch steigende Schulden ermöglichen. Besonders drastisch ist die Lage für Studierende, die durch die Wahl ihres Studienortes gezwungen werden, verschuldet in ihr Erwerbsleben zu starten. Drittens zeigen die Daten, dass die Überschuldung bei den älteren Personen zunimmt. Um 35 Prozent stieg im Vergleich zum Vorjahr die Überschuldungsquote der Rentner. Hier kündigt sich als Konsequenz der Rentenreformen Altersarmut an.

Privatisierter Keynesianismus

Ergänzende Daten der OECD zeigen aber auch, dass die private Überschuldung in Deutschland im internationalen Vergleich keineswegs sehr hoch ist. Tatsächlich befindet sich Deutschland im unteren Drittel aller OECD Länder. Die Haushalte in Nordeuropa führen die Rangliste der Länder an, in denen die Haushalte – auch nach Einrechnung der Vermögensbestände – am höchsten verschuldet sind. In Deutschland beginnt also erst eine Entwicklung Dynamik aufzunehmen, die als privatisierter Keynesianismus bezeichnet werden kann und in vielen Ländern schon weiter vorangeschritten ist.

Umverteilungsmaschine von unten nach oben

Nicht mehr die Staaten und Regierungen gehen in die Verschuldung, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verschlechtern, sondern die privaten Haushalte. Das ist die Logik der heutigen Umverteilung: Die vermögenden Menschen legen ihr Kapital, das früher stärker besteuert wurde, auf den Kapital- und Aktienmärkten an. Anstatt Steuern zu zahlen, bekommen sie nicht nur Zinsen und Dividenden auf ihr Vermögen, die Staaten erstatten ihnen sogar noch Kapitalertragssteuern zurück, allein in Deutschland über 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2017. Gleichzeitig gehen die unteren Einkommensschichten in die Schulden, versuchen damit ihren Lebensstandard abzusichern, für die Ausbildung ihrer Kinder das Beste zu geben. Sie übernehmen nicht nur das finanzielle Risiko, sie finanzieren sogar mit ihren Steuern noch die Steuerrückerstattungen für die Vermögenden. Eine Umverteilungsmaschine von unten nach oben hat sich etabliert. Wundert sich da noch jemand, dass viele Menschen mit geringem Einkommen an dieser Politik, an dieser Demokratie verzweifeln? Mit einer solchen Politik zum Wohle der wenigen Reichen auf Kosten der vielen Armen gräbt sich die Demokratie ihr eigenes Grab.

Sven Jochem lehrt Politikwissenschaften an der Universität Konstanz und forscht über Demokratietheorien, wohlfahrtsstaatliche Reformen und soziale Gerechtigkeit.