Marc Benioff, Vorstandschef des US-Softwareunternehmens Salesforce, war schon immer ein Freund offener Worte. Kürzlich forderte er die Stadt San Francisco auf, ortsansässige Unternehmen wie Twitter und auch seinen Konzern mit einer Sondersteuer zu belegen und die Erlöse an Obdachlose weiterzugeben. Nun hat Benioff mit einer weiteren Aussage für Schlagzeilen gesorgt: Facebook, der Social-Media-Gigant mit nach eigenen Angaben weltweit rund 2,27 Milliarden aktiven Nutzern, sei so schädlich für Jugendliche und die Gesellschaft wie die heute in den USA geächteten Zigaretten. Facebook mache abhängig, so Benioff, und verführe die Menschen zu einem Verhalten, das sie selbst nicht verstehen würden. "Die Regierung muss einschreiten. Es müssen Regulierungen her," fordert er.

Zahlreiche Fronten

Diese massive Kritik kommt zu einem Zeitpunkt, wo Facebook und sein Gründer Mark Zuckerberg bereits an zahlreichen Fronten gegen immer neue Negativschlagzeilen kämpfen, die unterm Strich alle zu der Kernfrage führen: Hat Facebook mit der derzeitigen Marktstrategie und unter der aktuellen Führungsspitze langfristig überhaupt noch eine Zukunft? Die Börsenanleger scheinen Zweifel daran zu haben. Die Facebook-Aktie steht seit Wochen unter Druck und liegt momentan nur knapp über ihrem Tiefstkurs der letzten 52 Wochen. Dazu beigetragen hat auch ein Bericht der "New York Times", deren Redakteure den Konzern monatelang unter die Lupe nahmen und nun mit diesem Fazit an die Öffentlichkeit gingen: Facebook hatte schon ein Jahr vor den Präsidentschafts-Wahlen 2016 Hinweise darauf, dass russische Hacker und Aktivisten versuchten, auf dem Portal den Wahlausgang zu beeinflussen – aber Facebook hielt dies unter der Decke. Und: Das Facebook-Management habe eine PR-Kampagne in Auftrag gegeben, um Kritiker des Unternehmens – und darunter vermutete man als Drahtzieher auch den liberalen Milliardär George Soros – in ein schlechtes Licht zu rücken.

Forderung nach Rücktritt

Facebook begegnete diesen mit zahlreichen Details gespickten Vorwürfen zwar mit einem Dementi – doch bezog sich dieses bezeichnenderweise nicht auf die vorgetragenen Fakten, sondern lediglich deren Interpretation. Und: Zuckerberg ließ zuletzt verlauten, er habe von der PR-Kampagne gegen Facebook-Kritiker nichts gewusst – und der Auftrag sei jetzt gekündigt worden. Das Wirtschaftsmagazin "Business Insider" kommentierte dies mit den Worten, dieser "schandhafte Vorgang" müssen zu Rücktritten an der Spitze von Facebook führen, allen voran Mark Zuckerberg und seine Vertreterin Sheryl Sandberg, die die verdeckt geführten Attacken gegen unbequeme Meinungsführer beaufsichtigt habe.

Mark Zuckerberg
Mark Zuckerberg | Bild: Ting Shen/AFP

Die Debatte um die Köpfe von Zuckerberg und Sandberg wird bereits seit 2017 geführt, als ein massiver Missbrauch von Nutzerdaten durch das Marktforschungs-Unternehmen Cambridge Analytica bekannt geworden war. Kritiker halten der Facebook-Führung vor, sich von persönlichen Projekten immer wieder ablenken zu lassen. Während Zuckerberg sich am liebsten technologischen Details widme und die Firmenpolitik seiner Vertreterin überlasse, habe sich diese unter anderem mit privaten Buchprojekten beschäftigt.

Sheryl Sandberg
Sheryl Sandberg | Bild: Angelika WarmuthIdpa

Massive Daten-Lecks, Kampagnen gegen Kritiker, das unübersehbare Zensieren und Herausfiltern konservativer Ansichten aus dem Portal und ein Schmusekurs Facebooks gegenüber totalitären Regimen wie der Führung Chinas – was sich unter anderem im Sperren von Nutzern manifestiert, die der Supermacht in Asien in Kommentaren nicht wohlgesonnen erscheinen: Details wie diese verstärken den Eindruck, dass Facebook von seiner bedrängten Unternehmensspitze ohne Führungskompetenz und ohne Gespür für öffentliche Resonanz regiert wird. Und wenn es andere Konzernchefs wagen, das Unübersehbare zu artikulieren, reagieren Zuckerberg und Co. mit Trotz und Abstrafung. So hieß es in einem Medienbericht, der Facebook-Gründer habe nach der Kritik von Apple-Chef Tim Cook an den wiederholten Daten-Lecks intern angeordnet, Facebook-Mitarbeiter sollten keine I-Phones mehr nutzen.

Schlechte Stimmung

Bei diesen kommen solche Befehle des Firmengründers aber nicht gut an. Das "Wall Street Journal" publizierte in dieser Woche das Ergebnis einer internen Umfrage, die der Social-Media-Konzern kürzlich veranlasst hatte. Nur noch 53 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Facebook optimistisch in die Zukunft sehen könne – vor einem Jahr sagten das noch über 80 Prozent. Zudem machen sich demnach viele der rund 29 000 befragten Beschäftigte Sorgen darüber, dass der Konzern seine Innovationskraft verliert. Und: Nur noch jeder zweite Facebook-Mitarbeiter glaubt, dass die Plattform die Welt besser mache. Vor zwölf Monaten waren noch rund 70 Prozent der Belegschaft dieser Ansicht.

Durchhalteparolen an die Mitarbeiter

Zur trüben Stimmung dürfte neben dem schlechten Ruf in der Öffentlichkeit auch der Kursverfall der Aktie beigetragen haben. Denn Optionen auf Anteilsscheine des Konzerns sind ein wichtiger Bestandteil der Vergütung. Zuckerberg und Sandberg scheinen nicht an Rücktritt zu denken, stattdessen ließen sie jetzt in der Zentrale in Menlo Park (Kalifornien) Durchhalteparolen ausgeben. Es sei eine schwierige Phase, räumte eine Facebook-Sprecherin ein. Doch jeder Angestellte sei für die Zukunft mitverantwortlich; man habe schließlich "ein großartiges Produkt" und beschütze die Menschen, die es benutzen würden. Doch gerade am letzten Punkt scheiden sich derzeit die Geister.

Facebook – ein Konzern der Superlative

  • Nutzer: Facebook hat weltweit 2,27 Milliarden Mitglieder und zählt zu den meistbesuchtesten Homepages der Welt. Wäre Facebook ein Land, wäre es das einwohnerstärkste Land des Planeten, noch vor China und Indien. In Deutschland nutzen 30 Millionen Menschen Facebook regelmäßig.
  • Aktivitäten: Zum Unternehmen Facebook zählt nicht nur das gleichnamige soziale Netzwerk, sondern auch der Bildteildienst Instagram und der Nachrichtendienst WhatsApp. Zudem erwarb Facebook 2014 das Unternehmen Oculus VR, einer Firma, die Brillen herstellt, welche das Erleben einer
    virtuellen Realität ermöglichen.
  • Finanzzahlen: Facebook erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 41 Milliarden Dollar (36 Milliarden Euro). Der Überschuss betrug fast 16 Milliarden Dollar. An der Börse wird Facebook mit 365 Milliarden Euro bewertet und zählt damit zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. (td)