Siemens verlegt bei der nächsten Runde des Konzernumbaus die Führung wichtiger Unternehmensbereiche ins Ausland. Die bisher fünf Sparten werden in drei operative Einheiten für Gas und Energie, smarte Infrastruktur und digitale Industrie aufgeteilt. „Siemens ist gegenwärtig in einer sehr starken Position“, sagte Vorstandschef Joe Kaeser in München. Man sei „great again“. Ein neuerliches Personal-Abbauprogramm ist mit der neuen Strategie „Vision 2020 plus“ nicht verbunden. Kaeser ließ anklingen, dass er eher an zusätzliche Mitarbeiter denkt. Starttermin ist der 1. Oktober.

  • Energiesparte: Die Energiesparte mit weltweit 71 000 Mitarbeitern und 21 Milliarden Euro Umsatz soll ihren Sitz im Zentrum der US-Ölindustrie in Houston (Bundesstaat Texas) haben. Diese Entscheidung dürfte auch mit der Handelspolitik von Präsident Donald Trump zu tun haben. „Mit diesem ganzen Handelszeug sind Unternehmen gezwungen, lokal zu werden“, kommentierte Kaeser die Weltlage.
  • Smarte Infrastruktur: Der neuen Infrastruktur-Einheit in Zug in der Schweiz werden 71 000 Mitarbeiter und 14 Milliarden Euro Umsatz zugeordnet.
  • Digitale Industriegeschäft: Das digitale Industriegeschäft – von Kaeser als "Diamant" bezeichnet – soll von Nürnberg aus geleitet werden. Diese Einheit hat 78 000 Mitarbeiter und 14 Milliarden Euro Umsatz. Neuester Zukauf ist für 600 Millionen Euro das US-Software-Unternehmen Mendix.
  • Die Zentrale: Die Siemens-Zentrale bleibt in München, soll aber schlanker werden. Daneben gibt es noch die internen Dienstleistungen fürs Geschäft, die Finanzen und Immobilien, die zusammengefasst werden sollen.
  • SPPAL in Konstanz: Die Siemens-Tochtergesellschaft Siemens Postal, Parcel & Airport Logistics (SPPAL), einer der größten Arbeitgeber in Konstanz, bleibt weiterhin ein eigenständiges Unternehmen und wird keiner der drei neuen operativen Siemens-Einheiten zugeordnet. "Wir werden zentral geführt und gehören künftig zur Einheit kleine und mittelgroße Unternehmen (SME)", sagte eine SPPAL-Sprecherin. Am Arbeitsalltag am Firmensitz in Konstanz ändere sich nichts, so die Sprecherin.
  • Position der Arbeitnehmer: Die Arbeitnehmer gaben sich mit Blick auf den Umbau verhalten. „Die neue Ausrichtung darf nicht dazu führen, dass Marke und Identität von Siemens als vernetzter Technologiekonzern verloren gehen“, mahnte Birgit Steinborn, die Chefin des Siemens-Gesamtbetriebsrats und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Der Siemens-Vorstand hatte die Umorganisation in den vergangenen Monaten mit dem Betriebsrat und der IG Metall abgesprochen. Die Arbeitnehmervertreter erteilten noch weitergehenden Überlegungen, den Konzern in eine Holding-Struktur umzuwandeln, bei der die Münchner Zentrale nur noch als Dach dreier eigenständiger Gesellschaften fungiert hätte, eine Absage. „Den Weg in eine Holdingstruktur werden wir weiterhin nicht akzeptieren“, betonte Jürgen Kerner, IG-Metall-Hauptkassierer und Mitglied des Aufsichtsrats. Denn die Arbeitnehmervertreter seien besorgt, dass dies den Weg in eine von den Finanzmärkten getriebene Zerschlagung des Konzerns ebnen könnte.
  • Weitere Überlegungen: Kaeser schloss zwar nicht aus, dass aus den drei operativen Einheiten künftig auch separate Gesellschaften werden könnten. „Das ist aber nicht die erste Priorität.“ Der Siemens-Chef will sich aber für die Zukunft alle Möglichkeiten offen halten. Einen separaten Börsengang mit dem „Diamanten“ des digitalen Industriegeschäfts schloss Kaeser explizit als nicht geplant aus. Zuletzt hatte Siemens im Frühjahr die Medizintechnik-Sparte aufs Parkett gebracht.
  • Geschäftsentwicklung: Stark sind derzeit vor allem die Auftragseingänge, die im dritten Quartal des Siemens-Geschäftsjahres (30. Juni) um 16 Prozent auf einen Wert von 22 Milliarden Euro zulegten. Der Umsatz sank jedoch – hauptsächlich wegen des starken Euro und schlechter Geschäfte in der kriselnden Kraftwerksparte – um 4 Prozent. Der Nettogewinn ging sogar um 14 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zurück.