Sport war immer schon das Steckenpferd von Michl Bluemm. "Als Jugendlicher konnte ich bis zu 40 Meter im Handstand laufen", erinnert er sich. Doch nach dem Abitur im unterfränkischen Mellrichstadt zog es ihn zunächst in die Ingenieurwissenschaften. Er studierte Luft- und Raumfahrtechnik in München, arbeite anschließend in der bayrischen Landeshauptstadt, am Flughafen Zürich und in Immenstaad beim Vorgänger von Airbus Defence and Space. "Dort habe ich zum ersten Mal die Bodenseeregion kennen und schätzen gelernt", blickt er zurück. Mit Ende 30 packte den heute 46-Jährigen nochmal der Sportvirus. Obwohl er beruflich erfolgreich war, meldete er sich spontan für die Sporteignungsprüfung an der Universität Konstanz an – und bestand auf Anhieb.

Er kündigte seinen Ingenieursjob und begann ein Sportstudium. Parallel eröffnete er in Konstanz die Tanzschule Flamemotions. Das Sportstudium hat er mittlerweile fast abgeschlossen und die Tanzschule ist sein Broterwerb. "Früher war ich auf Karriere aus, aber heute mache ich das, was mir Spaß macht", erzählt er. Bluemm könnte sich sogar vorstellen zu promovieren. Die Entwicklung von Sportgeräten für Astronauten würde ihn reizen. Dieser Bereich sei eine Nische und verspreche viel Potenzial – auch finanziell. Dann würde sich für ihn ein Kreis schließen.

Biografien mit Brüchen wie die von Michl Bluemm sind keine Seltenheit. Gerade heutzutage, im Zeitalter der Individualisierung, in dem Selbstverwirklichung einen hohen Stellenwert hat, haben immer mehr Menschen den Mut, ihrem Berufsleben nochmal eine andere Richtung zu geben. Oft entstehen Brüche in Biografien auch unfreiwillig, wenn sich zum Beispiel Arbeitnehmer nach einer Entlassung umorientieren müssen. Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger, betonen Arbeitgeber (siehe Interview). Denn da die Technologie sich rasend verändert, müssen auch die Menschen sich immer schneller an den Wandel anpassen. "Früher war die Zange das wichtigste Werkzeug eines Heizungsbauers. Heute ist es ein Tablet", sagt zum Beispiel Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm und selber gelernter Heizungsbauer.

Nicht selten gehen Menschen in einer bestimmten Lebensphase nochmal in sich, und kommen zu dem Ergebnis, dass sie beruflich nochmal von vorn anfangen wollen. So war es bei Anna-Lena Murzin aus Hilzingen. Ursprünglich wollte Murzin eigentlich im sozialen Bereich arbeiten und absolvierte deshalb ein freiwilliges soziales Jahr im Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Doch dann stellte sie fest, dass sie eher in der Wirtschaft arbeiten wollte. Die heute 31-Jährige absolvierte deshalb zunächst eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Dann arbeitete sie als Personaldisponentin bei einer Zeitarbeitsfirma. Nach der Geburt ihres Sohnes Marlon, heute sechs Jahre alt, begann sie, über ihr Leben nachzudenken und entschied sich, mit 26 Jahren nochmal ein Studium zu beginnen. "Ich wollte nicht nur Hausfrau und Mutter sein, sondern auch Karriere machen", erzählt sie. 

Und so schrieb sie sich an der Universität Konstanz für Soziologie und Wirtschaftwissenschaften ein. Mittlerweile hat sie ihrem Bachelor-Abschluss in der Tasche und ihr zweiter Sohn Maurice, fünf Monate, ist auf der Welt. Sobald er größer ist will Anna-Lena Murzin in der Personalabteilung eines größeren Unternehmens arbeiten und berufsbegleitend noch einen Master im Personalbereich machen. "Ich bin mit jeder beruflichen Phase selbstsicherer geworden", sagt sie. Mit ihrem disruptiven Lebenslauf, wie Experten solche Berufsbiografien bezeichnen, könne sie sich bei Bewerbungsgesprächen leichter von der Masse absetzen. "Man sollte tun, was einem Spaß macht. Dann fällt einem auch das Lernen leichter", sagt die gebürtige Nürnbergerin.

Beide Beispiele zeigen, dass der Zug für eine Weiterbildung oder sogar ein Studium noch nicht endgültig abgefahren ist, wenn man die 30 überschritten hat. Oft lohnt sich die Investition in die eigenen Bildung auch finanziell, wenn man die Phase ohne Einkommen durch ein im Anschluss an die Bildungsauszeit höheres Gehalt ausgleichen kann. Das gilt umso mehr, da die Arbeitsphase im Leben tendenziell nach hinten raus immer länger wird. Das Renteneintrittsalter hat sich bereits von 65 auf 67 erhöht. Experten wie die fünf Wirtschaftsweisen fordern langfristig einen weiteren Anstieg auf 70 Jahre. So kann es sich durchaus lohnen, sich mit 50 oder Mitte 50 nochmal weiterzubilden. „Langsam aber sicher klärt sich das Bild dahingehend auf, dass man ein Leben lang lernen kann“, sagt zum Beispiel Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks, einem Zusammenschluss von mehreren Firmen.

Michl Bluemm bereut seine Brüche jedenfalls nicht. "Als Sportler weiß ich, dass der Körper immer das liefert, was man ihm abverlangt. Genauso ist es mit dem Geist", erklärt er. Er sei schon immer multiinteressiert gewesen. "Zum Beispiel habe ich mich während des Studiums auch mit Rechtswissenschaften, Biologie oder Philosophie beschäftigt", sagt Bluemm. Auch Anna-Lena Murzin hält die Brüche in ihrer Biografie nicht für einen Nachteil. Wichtig sei ein roter Faden im Lebenslauf. "Ich hatte für jeden Richtungswechsel gute Gründe", sagt Anna-Lena Murzin.

 

"Brüche können spannend sein"

Vera Winter, beim baden-württembergischen Autozulieferer Bosch für die Nachwuchsgewinnung und Talentbindung zuständig, spricht über untypische Lebensläufe.

Frau Winter, was sind die zentralen Fähigkeiten, die man zukünftig berufsübergreifend brauchen wird?

Die IT-Kompetenz wird in fast allen Berufen immer wichtiger. Nicht nur da brauchen Arbeitnehmer Offenheit und Neugier, auch um sich weiterzubilden. Darüber hinaus halte ich soziale und kommunikative Fähigkeiten für wichtig, zumal in Unternehmen oft fachlich gemischte Teams zusammenarbeiten. Das voneinander Lernen wird im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Dabei lösen wir uns von starren Hierarchien.

Wo sollen Bewerber im Idealfall die digitalen Kompetenzen erwerben? In der Schule, in der Freizeit oder erst im Berufsleben?

Im Berufsleben wäre es zu spät. Hier ist unser Bildungssystem gefordert. Bereits im Kindergarten sollten Kinder spielerisch an die digitalen Medien herangeführt werden. In der Schule sollten dann die Grundlagen wie Programmieren vermittelt werden. Die Verzahnung von Theorie und Praxis kann über Unternehmenspraktika stattfinden. Auf diese Weise erlernen Kinder und Jugendliche die digitalen Kompetenzen, die sie in der Arbeitswelt benötigen.

Lohnt es sich heute noch, in der Schule Gedichte, mathematische Formeln oder Geschichtszahlen auswendig zu lernen? In der digitalen Welt kann man ja alles im Internet nachschauen.

Man kann vieles recherchieren. Aber man kann nicht alles recherchieren. Deswegen ist ein gewisses Faktenwissen unentbehrlich, um Zusammenhänge schnell zu erkennen. Zudem muss man die Kompetenz erwerben, zu wissen, wo man welche Informationen findet und wie diese zu bewerten sind. Stupides Auswendiglernen macht keinen Sinn, aber das klassische Ideal der Allgemeinbildung hat nicht ausgedient.

Wie kommen in Ihrer Personalabteilung disruptive Biografien an?

Brüche in der Biografie können spannend sein. Wenn es einen logischen Zusammenhang im Lebenslauf gibt und die Brüche gute Gründe haben, sind solche Bewerber bei uns hoch willkommen. Die Aufgabe des Bewerbers ist es dann, uns diese Brüche zu erklären. Grundsätzlich haben bei uns alle Bewerber die gleichen Chancen. Für uns stehen Persönlichkeit und Kompetenzen im Vordergrund, nicht gradlinige Lebensläufe. Insofern können disrutive Biografien auch eine Chance sein.

Fragen: Thomas Domjahn