„Ich will arbeiten“, sagt der drahtige Mann mit sonnengegerbter Haut. Der namenlose Tagelöhner aus dem indischen Bundesstaat Bihar hat gerade seine Stimme abgegeben. Er sehnt sich nach den Zeiten, in denen sein Leben besser war. “Unter Indira Gandhi„, sagt er dem erstaunten TV-Journalisten in bestem Englisch. Nun sei die Lage nicht gut. „Ich bekomme nicht jeden Tag Arbeit, und wenn ich nicht arbeite, kann ich nichts essen. Und ohne Essen muss ich schlafen“, erklärt er. Indien wählt im Moment noch bis zum 19. Mai in mehreren Phasen ein neues Parlament. Der hindu-nationalitische Premierminister Narendra Modi stellt sich zur Wiederwahl. „Ich will Modi sagen, dass er Arbeit schaffen soll“, sagt der arme Tagelöhner. Er ist nicht allein mit seiner Meinung. Die großen Erwartungen, die viele Wähler hatten, konnte Modi, der vor allem Arbeitsplätze versprach, nicht erfüllen. Und dies, obwohl Indiens Wirtschaft boomt.

Sprung auf Platz fünf steht bevor

Im vergangenen Jahr wuchs Indiens Wirtschaft um 7,3 Prozent – rasanter als China oder jede andere große Volkswirtschaft. Für 2019 und 2020 prognostiziert die Weltbank eine ähnliche Steigerungsrate. Indien hat die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt und soll laut Weltwährungsfond (IWF) in diesem Jahr Frankreich und Großbritannien überholen, um auf Platz 5 zu landen.

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Doch die Schwächen der „größten Demokratie der Welt“ sind nicht zu übersehen. Das starke Wachstum hat für die meisten Inder nicht zu mehr Wohlstand geführt. Kurz vor Beginn der Wahl zirkulierte ein vertrauliches Dokument der Regierung, wonach die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit über 40 Jahren erreicht hat.

Ein typisches Straßenbild in Indien: Ein Mann zieht auf einer Rikscha Säcke mit leeren Plastikflaschen hinter sich her.
Ein typisches Straßenbild in Indien: Ein Mann zieht auf einer Rikscha Säcke mit leeren Plastikflaschen hinter sich her. | Bild: NARINDER NANU/AFP

Forscher der Azim Premji Universität in Bengaluru (Bangalore) haben ausgerechnet, dass das Wirtschaftswachstum von 7 Prozent zu weniger als einem Prozent mehr Beschäftigung geführt hat. Laut dem „Center for Monitoring Indian Economy“ gingen im vergangenen Jahr 11 Millionen Jobs verloren – die meisten in Indiens riesigem informellen Sektor, wo die Armen, Ungebildeten und Frauen Arbeit finden. Gleichzeitig drängen jeden Monat eine Million Inder neu auf den Arbeitsmarkt, denn das südasiatische Land ist jung – zwei Drittel aller Inder sind unter 35 Jahren.

Wenig Jobs für viele Menschen

Ein Zeichen für den angespannten Arbeitsmarkt ist der Run auf sichere Jobs im Staatsdienst. Jedes Jahr absolvieren eine Million junge Inder die rigorose Auswahlprüfung für Elite-Beamte, obwohl die Chancen verschwindend gering sind. Denn nur etwas mehr als 900 Kandidaten werden jährlich aufgenommen. Als die indische Eisenbahn nach einem Einstellungsstopp 2018 wieder freie Stellen ausschrieb, bewarben sich 28 Millionen Inder – auf 90 000 Stellen. Trotz der Wirtschaftsreformen Ende der 1990er Jahre klebt Indien weiter an sozialistischen Strukturen. Protektionismus wird groß geschrieben. Es ist nur wenig Wettbewerb, und die Hürden für ausländische Firmen sind hoch.

Ein Inder verkauft buntes Pulver vor dem hinduistischen Frühlingsfest Holi. Dieses kann bis zu zehn Tagen dauern.
Ein Inder verkauft buntes Pulver vor dem hinduistischen Frühlingsfest Holi. Dieses kann bis zu zehn Tagen dauern. | Bild: DIPTENDU DUTTA/AFP

Bei den indischen Unternehmen dominieren zudem große Konglomerate wie Tata, Birla oder Reliance die Szene. Sie gelten allesamt als konservativ und risikoscheu. „Made in India“, die ehrgeizige Kampagne von Regierungschef Modi, Indiens Industrieproduktion anzukurbeln, verfing bei ihnen nicht. Im Gegenteil: Indiens Industrie-Sektor schrumpft weiter – und lag 2017 nur noch bei 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Gleichzeitig verringerten sich die Neuinvestitionen in den letzten Jahren. Weil die inländischen Firmen Risiken meiden, versucht die Regierung, ausländisches Kapital anzulocken, um die Lücke zu füllen. Doch auch hier ist die Entwicklung negativ: Die ausländischen Investitionen, die unter Modi zunächst einen Rekordstand erreichten, sinken inzwischen wieder, nachdem andere Länder in Asien – wie Vietnam oder Burma – für ausländische Firmen attraktiver geworden sind und Indien den Rang ablaufen.

Sorgloser Umgang mit Ressourcen

Indiens Wirtschaftswachstum geht nicht nur an der Mehrheit der Bevölkerung vorbei; der sorglose Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Land verstärkt noch die Misere. Pro Kopf hat Indien jährlich nur noch 1000 Kubikmeter Trinkwasser zur Verfügung – in manchen Teilen des Landes muss nach Wasser gebohrt werden wie nach kostbaren Diamanten. Gleichzeitig gehen in den Städten etwa 40 bis 50 Prozent des Leitungswassers verloren, weil die Wasserleitungen alt und undicht sind.

Selbstmorde wegen Ernteausfällen

Indiens Landwirtschaft, der Sektor, der weiterhin die Hälfte der Menschen im Land beschäftigt, leidet unter zunehmender Trockenheit des Klimas und sinkender Produktivität. Im vergangenen Oktober protestierten Zehntausende Bauern in der Hauptstadt für bessere Lebensbedingungen. Indien hat 70 Millionen Hektar künstlich bewässertes Land, doch dies wird fast ausschließlich mit veralteten Methoden bewässert, die viel Wasser und Elektrizität verbrauchen. Wegen Ernteausfällen und hohen Schulden begehen Hunderte Bauern pro Jahr Selbstmord.

Ein Inder sitzt auf einem Bananen-Transporter. Die indische Landwirtschaft leidet unter der zunehmenden Trockenheit.
Ein Inder sitzt auf einem Bananen-Transporter. Die indische Landwirtschaft leidet unter der zunehmenden Trockenheit. | Bild: SHAMMI MEHRA/AFP

Nicht nur die Landbevölkerung leidet: Indiens neue Städte wachsen ohne Plan und Methode. Dies hat fatalen Folgen: Verkehrschaos, fehlende Infrastruktur und eine desolate Strom- und Wasserversorgung sind Alltag. Auch die Luftverschmutzung ist ein riesiges Problem. Wer in der Hauptstadt Neu Delhi lebt, verkürzt sein Leben im Schnitt um zehn Jahre. Indiens Wähler haben kaum Aussichten, dass sich hieran etwas grundlegend ändert. Im „Global Happiness Report“ der Vereinten Nationen landete Indien auf Platz 140 von 156 Ländern.