Herr Lindemann, vor zehn Jahren war Schiesser pleite. Wo steht Ihr Unternehmen heute?

Schiesser hat sich nach der Insolvenz sehr stark entwickelt. Uns geht es heute sehr gut. Wir haben unser Stammgeschäft ausgebaut und unsere eigenen Vertriebskanäle gestärkt. 2018 haben wir rund 17 Millionen Teile über unser Logistikzentrum in Radolfzell ausgeliefert. Auch für die Zukunft bin ich sehr optimistisch. Die Marke Schiesser hat noch viel Potenzial.

Was macht die Marke Schiesser aus?

Die Grundwerte von Schiesser sind Qualität und Zeitgeist. Dabei spielt der Wohfühlfaktor eine sehr große Rolle. Eine Marke darf nie stehen bleiben, sondern muss sich ständig den Kundenbedürfnissen anpassen. Das gilt übrigens nicht nur für das Produkt an sich, sondern auch für die Vertriebskanäle. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass das Online-Geschäft einmal so wachsen wird?

Schadet oder nutzt Ihnen das wachsende Online-Geschäft?

Technisch gesprochen handelt es sich um eine Verschiebung des Distributionskanals. Die Umsätze im stationären Handel sinken und digitalen Umsätze steigen. Heute wächst jedes Kind mit einem Smartphone auf. Wenn diese Generation zu Konsumenten wird, wird sich dieser Trend nochmal verstärken.

Blick in die Schiesser-Filiale im Outlet  Center Seemaxx in Radolfzell. Bild: domjahn
Blick in die Schiesser-Filiale im Outlet Center Seemaxx in Radolfzell. Bild: domjahn | Bild: Domjahn, Thomas

Welchen Umsatzanteil hat der Online-Handel derzeit bei Ihnen?

Wir verkaufen nach wie vor den Großteil unserer Produkte stationär. Online verkaufen wir bisher nur 15 bis 20 Prozent unserer Produkte. Dieser Anteil wird weiter steigen, wobei jeder Vertriebskanal – auch der stationäre Handel – zukünftig seine Kundschaft und damit seine Berechtigung haben wird. Wir möchten den Endverbrauchern einen flächendeckenden Zugang zu unseren Produkten gewährleisten.

Sie haben in Deutschland über 100 eigene Läden, so genannte Stores. Wie läuft das Geschäft dort?

Die Stores tragen gut ein Drittel zu unserem Umsatz bei. In diesem Bereich stehen wir gerade vor der Herausforderung, die sinkende Kundenfrequenz durch einen noch besseren Service zu kompensieren. Wir werden hier die Kompetenz unserer Mitarbeiter fördern und in die Ausbildung entsprechend investieren.

Sie haben Ende der 90er Jahre die Produktion in Deutschland eingestellt. Kommt es für Sie in Frage, irgendwann wieder in der Heimat zu produzieren?

Die Produkte würden sich extrem verteuern, wenn man sie in Deutschland herstellen würde. Zudem findet man für die Produktion in der Textilbranche kaum noch Fachkräfte. Aus dem Blickwinkel des Konsumenten macht es einen großen Unterschied, ob ein Hemd in Deutschland oder im Ausland produziert wird. Wichtig zu wissen ist, dass die komplette Produktentwicklung und das Design ausschließlich in Deutschland, hier in Radolfzell erfolgen. Die Qualitätsstandards der Produktion unserer Produkte im Ausland sind dieselben wie in Deutschland.

Wie sieht ihr typischer Kunde aus?

Wir haben Produkte vom Kleinkind bis ins hohe Alter. Der Durchschnittskunde ist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Schiesser wird von vielen als Herrenmarke wahrgenommen. Tatsächlich ist es so, dass wir in Deutschland bei Unterwäsche die führende Herrenmarke sind. Bei den Damen sind wir zwar nicht die Nummer eins, aber befinden uns in den ersten Rängen.

Mit welchen Produkten verdienen Sie das meiste Geld?

Bei den Herren mit Unterhosen. Denn diese kauft man öfter als Unterhemden und nicht alle Männer tragen Unterhemden. Auch bei den Frauen machen Unterteile mengenmäßig mehr aus als Oberteile. Neben Unterwäsche ist die Nachtwäsche ein wichtiger Umsatzbringer.

Unterwäsche hängt im Schiesser-Store am Kurfüstendamm in Berlin. Bild: dpa
Unterwäsche hängt im Schiesser-Store am Kurfüstendamm in Berlin. Bild: dpa | Bild: Jens Kalaene

Was sind gerade bei der Herstellung die Trends in Ihrer Branche?

Das Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Es gibt zum Beispiel Stoffe, die aus Holzfasern gewonnen werden. Die schnell nachwachsenden Eukalyptusbäume brauchen deutlich weniger Wasser als Baumwolle. Darüber hinaus gibt es Stoffe, die ausschließlich aus Recyclingmaterial gewonnen werden. Auch bei der Verarbeitung gibt es viele Innovationen. So werden Nähte heutzutage oft nicht mehr genäht, sondern geklebt oder gelasert.

Können Sie durch diese neuen Produktionstechnologien Arbeitsplätze bei Schiesser einsparen?

Nein. In der Modebranche ist für die Produktion nach wie vor immer noch recht viel Handarbeit erforderlich. Unter dem Strich wollen wir unsere Mitarbeiterzahl in den nächsten Jahren stabil halten.

Sie sind jetzt seit fast einem Jahr Chef von Schiesser. Welche Veränderungen haben Sie seit ihrem Amtsantritt angestoßen und was sind Ihre wichtigsten Zukunftsprojekte?

Mein Job ist es nicht, dass ganze Unternehmen umzukrempeln, sondern an gewissen Stellschrauben zu drehen. Ich möchte die Internationalisierung vorantreiben. Derzeit machen wir nur 20 Prozent unseres Umsatzes im Ausland. Diesen Anteil zu steigern, gehört zu meiner Hauptaufgabe. Zudem will ich unsere Präsenz in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram stärken und Marketingmittel in diese Richtung umlenken, um noch näher an den Kunden zu rücken.