Sami Haddadin lächelt und greift sich Block und Kugelschreiber des Fragestellers, um mathematische Kurven aufzuzeichnen. Der Professor spricht ehrfürchtig von dem Erkenntnisblitz, der ihm nachts zuteil wurde. Der Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München deutet auf einen Bildschirm. Dort sind von ihm entwickelte Roboter auf Werkbänken montiert, die versuchen einen Schlüssel in einen Schließzylinder einzuführen. Aber das ist doch eher eine leichte Aufgabe? Haddadin schüttelt den Kopf. „All diese Roboter haben jedoch noch nie versucht, einen Schlüssel in ein Schloss zu bekommen.“ Die gelenkigen, weißen Roboterarme bewegen sich also auf Neuland, wie Kanzlerin Angela Merkel sagen würde.

Was den 38-jährigen deutschen Roboter-Star so euphorisch wirken lässt, ist die Tatsache, dass in der Roboterschule jedes Gerät vom anderen lernt. „Hier geht es um kollektive Erkenntnis“, meint Haddadin fast schon philosophisch. Wenn ein Roboter also etwa im falschen Winkel behutsam auf das Schloss langsam zufährt, teilt er seinen Misserfolg mit allen Kollegen. Es kommt nun Künstliche Intelligenz ins Spiel. In der Gruppe lernt es sich schneller. „Und die Roboter hören im Vergleich zu manchen Menschen auch zu“, meint Haddadin schmunzelnd. Im Umkehrschluss heißt das: In der Roboterschule dürfte der Lernerfolg größer sein als in manch menschlicher Schule.

Das könnte ein neuer wissenschaftlicher Coup des Überfliegers werden, der sich für München entschieden hat, obwohl ihn Spitzen-Unis in den USA wie Stanford oder das Massachusetts Institute of Technology gejagt haben. Haddadin sagt aber im Gespräch mit dieser Redaktion: „Ich bin angetreten, um zu zeigen, dass man hier in Deutschland wirtschaftlich Roboter fertigen kann.“

Mit Auszeichnungen überhäuft

Dabei wirkt der Roboter-Superstar, der Sneakers zum Anzug trägt, nicht abgehoben, obwohl er mit Mitstreitern – darunter seinem Bruder Simon – den Deutschen Zukunftspreis von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bekommen hat. Zuletzt wurde ihm noch der Leibnizpreis zugesprochen. Es fehlt nur noch der Nobelpreis.

Haddadin, Sohn eines jordanischen Arztes und einer finnischen Krankenpflegerin, wird mit Auszeichnungen überhäuft, weil es ihm gelungen ist, kleine Roboter zu entwickeln, die enorm feinfühlig im Umgang mit Werkstücken und dem Menschen sind. Wenn also ein solch einfach zu bedienender Roboterarm auf eine Hand trifft, verletzt er diese nicht. Das auf den Namen „Panda“ hörende Gerät geht sanft mit allem um. Roboter-Flüsterer Haddadin nennt seine Kreaturen denn auch softe Roboter. „Es kommt auf die Genauigkeit und Nachgiebigkeit bei der Kraftausübung an“, doziert er. Der Professor hat seinen Schöpfungen das „Spüren beigebracht“. Natürlich können die Apparate dank Kameratechnik längst die Außenwelt wahrnehmen. Doch Haddadin will sie lehren, „richtig zu sehen“.