Der Konstanzer Friseurmeister Stefan Wallenstein, 54 Jahre, gehörte zu den vielen Selbstständigen in Deutschland, die durch die Zwangsschließung von einem auf den anderen Tag keine Einnahmen mehr hatten. Wir haben den Inhaber des Friseursalons Stefan zu seinem Gefühlsleben und seinen wirtschaftlichen Sorgen befragt und ihn bei der Beantragung der Staatshilfen bis zur Wiedereröffnung seines Salons begleitet.

4. Mai

Stefan Wallenstein darf ab heute wieder öffnen – aber nur unter strengen Sicherheitsauflagen. So ist ein Friseurbesuch nur nach vorheriger Vereinbarung eines Termins per Telefon oder E-Mail möglich, damit sich vor dem Salon keine Schlangen bilden. Wallenstein und auch seine Kunden müssen Mundschutz tragen. Kaffee darf er seinen Kunden nicht anbieten, denn das wäre ein unzulässige Bewirtung. Auch Zeitschriften dürfen Kunden nicht wie gewohnt lesen – denn theoretisch könnte man sich über die Zeitschrift infizieren.

Jedem Kunden müssen zuerst die Haare gewaschen werden – auch Sybille Kern.
Jedem Kunden müssen zuerst die Haare gewaschen werden – auch Sybille Kern. | Bild: Domjahn, Thomas

Seine erste Kundin ist Sybille Kern, seine Steuerberaterin. Ihr hat Wallenstein aus Dank für ihre Arbeit direkt für Montag, 8 Uhr, einen Termin gegeben. „Ich bin schon seit über zehn Jahren Stammkundin bei Stefan Wallenstein„, erzählt sie.

Nur einem Kunden dürfen hier die Haare gewaschen werden – denn der Mindestabstand muss eingehalten werden.
Nur einem Kunden dürfen hier die Haare gewaschen werden – denn der Mindestabstand muss eingehalten werden. | Bild: Domjahn, Thomas
Das Desinfizieren der Hände vor dem Betreten des Friseursalons ist Pflicht. Auch die Scheren müssen nach dem Schneiden desinfiziert werden.
Das Desinfizieren der Hände vor dem Betreten des Friseursalons ist Pflicht. Auch die Scheren müssen nach dem Schneiden desinfiziert werden. | Bild: Domjahn, Thomas
Von seiner Schwiegermutter hat sich Wallenstein in Handarbeit Schutzmasken nähen lassen und bietet sie zum Kauf an.
Von seiner Schwiegermutter hat sich Wallenstein in Handarbeit Schutzmasken nähen lassen und bietet sie zum Kauf an. | Bild: Domjahn, Thomas
Stefan Wallenstein darf nur einen Kunden in seinem Salon empfangen – die anderen müssen draußen warten.
Stefan Wallenstein darf nur einen Kunden in seinem Salon empfangen – die anderen müssen draußen warten. | Bild: Domjahn, Thomas

Der Ansturm auf die Friseure im Land ist groß. „Ich bin schon für die nächsten drei Wochen ausgebucht“, sagt Wallenstein. Jeder Kunden muss sich in eine Liste eintragen, um Infektionsketten nachverfolgen zu können – sonst dürfen ihm nicht die Haare geschnitten werden. „Ich bin froh, dass ich wieder aufmachen darf. Da nehme ich diese Auflagen gerne in Kauf“, sagt Wallenstein. Durch den erhöhten Hygiene- und Verwaltungsaufwand habe Wallenstein allerdings seine Preise erhöhen müssen.

17. April

Jetzt ging alles doch schneller als erhofft: Am 4. Mai dürfen Friseure auch in Deutschland wieder öffnen. „Ich habe, als bekannt wurde, dass Friseure wieder öffnen dürfen, über 30 Terminanfragen für die erste Maiwoche bekommen. Ausnahmsweise werde ich dann auch am Montag öffnen“, erzählt Wallenstein. Auch seine Öffnungszeiten will der 54-Jährige ausweiten. „Aber länger als von 8.30 Uhr bis 18.30 Uhr – ohne Pause – kann ich auch nicht arbeiten, vor allem nicht auf Dauer“, sagt der Solo-Selbständige. Voraussichtlich werden die Friseure im Land beim Haareschneiden hygienische Auflagen einhalten müssen. Wie diese im Detail Aussehen, ist aber noch unklar. „Wahrscheinlich werden wir mindestens mit einer Mund-Nasen-Abdeckung arbeiten müssen. Ich lasse mir schon welche von meiner Schwiegermutter nähen. Vermutlich werden wir auch den Kunden Mund-Nasen-Abdeckungen zum Kauf anbieten“, sagt Wallenstein. Auch das Haarewaschen vor dem Haarschnitt könnte zur Pflicht werden. Wallenstein sieht dies gelassen. „Das Haarewaschen ist bei mir ohnehin im Preis erhalten, diese Hygienemaßnahme ist in unserem Friseursalon Standard“, sagt er. Nachdem Wallenstein für Wochen zur Untätigkeit verurteilt war, freut er sich nun, bald wieder arbeiten zu dürfen, auch wenn es sehr viel zu tun gebe. „Das ist positiv-kreativer Stress“, sagt er.

15. April

In Österreich dürfen Friseure schon am 1. Mai wieder öffnen. Wallenstein glaubt, dass es in Deutschland länger bis zur Wiedereröffnung dauern wird. „Wann ich wieder aufmachen kann, weiß ich nicht. Als Friseur ist es schlicht unmöglich, das Abstandsgebot einzuhalten. Wir müssen nah an die Kunden ran“, sagt Wallenstein. Gesundheitliche Vorsichtsmaßnahmen seien wichtig, findet er. Welche im Endeffekt am besten greifen, könne aber derzeit keine Regierung mit absoluter Sicherheit sagen.

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Ostern

Frohe Botschaft zum Osterfest: Die Staatshilfen für Kleinunternehmer sind auf seinem Konto eingegangen – und zwar die vollen 9000 Euro. „Als das Geld auf meinem Konto ankam, habe ich mich total gefreut“, sagt Wallenstein. Die Soforthilfe will er nun ausschließlich für die laufenden geschäftlichen Kosten verwenden, wie etwa für die Miete für den Salon.

8. April

Stefan Wallenstein appelliert an seine Mitbürger, in der Corona-Krise die Nerven zu behalten und zunächst einmal das eigene Verhalten zu hinterfragen, bevor man mit dem moralischen Zeigefinger auf andere Menschen zeigt.

Video: Wallenstein

6. April

Seine April-Miete für den Friseur-Salon hat Wallenstein ganz regulär überwiesen. „Ich bin ja gleichzeitig Mieter und Vermieter und möchte meinen Vermieter nicht in die Bredouille bringen“, sagt er. Dass große Marken wie Adidas, Deichmann oder H&M ihre Mietzahlungen gestoppt haben (Adidas hat seine Entscheidung mittlerweile korrigiert), sieht Wallenstein kritisch.

2. April

Wie Wallenstein berichtet, haben einige Kunden ihm und den beiden Friseurinnen, mit denen er sich den Salon teilt, einen Kredit oder einen Vorschuss auf einen künftigen Haarschnitt angeboten. Doch die drei Friseure haben abgelehnt. „Das ist eine schöne Geste. Aber das Problem würde dadurch nur nach hinten geschoben“, so die Begründung von Wallenstein.

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1. April

„Ich merke jetzt wieder, wie gerne ich meinen Beruf ausübe. Mir fehlt es derzeit sehr, morgens zur Arbeit zu gehen“, sagt Stefan Wallenstein. „So richtig kann ich die Auszeit nicht genießen“, so Wallenstein weiter. Es sei etwas anderes, als Urlaub zu machen. Die unfreiwillige Auszeit nutzt er unter anderem, um mit einem Webdesigner seine Homepage auf Vordermann zu bringen.

Bild: Domjahn, Thomas

31. März

Stefan Wallenstein ist voll des Lobes über die Unterstützung, die er bei der Antragstellung für Staatshilfen bekommt. „Am Tag der Antragstellung der Soforthilfe Corona hat es sich dankenswerterweise gezeigt, dass Anlaufstellen, wie zum Beispiel Steuerberater, wie in einer Art Not-Hotline für uns Antragsteller in dieser für uns alle völlig ungewohnten Situation erreichbar waren, ohne Termin und ohne Rechnungsstellung, trotz deren Aus- oder gar Überlastung“, sagt Wallenstein. Das sei für die grundlegende Orientierung eine große Hilfe gewesen.

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30. März

Wann Stefan Wallenstein seinen Friseursalon wieder öffnen kann, steht noch in den Sternen. Er geht im schlimmsten Fall von einer dreimonatigen Schließung aus. „Am liebsten würde ich direkt morgen wieder öffnen“, sagt er.

Video: Domjahn, Thomas

27. März

Stefan Wallenstein hat die staatlichen Hilfen beantragt. Jetzt ist er zum Warten verdammt. „Es ist so, als wenn man mit dem Auto im Stau steht“, sagt der gebürtige Unterfranke.

Video: Domjahn, Thomas

26. März

Das Online-Formular zur Beantragung staatlicher Hilfen ist seit dem Vorabend online. Stefan Wallenstein hat es sich sofort heruntergeladen und will es noch heute einreichen. „Das Formular ist eigentlich gar nicht so kompliziert“, sagt er. Unklar ist ihm, welche Rechnungen er als erstes zahlen soll, wenn er die Hilfen erhält. Die Miete? Strom und Wasser? Oder den Geschäftskredit, den er für die Renovierung seines Friseurgeschäfts aufgenommen hat?

25. März

Stefan Wallenstein wartet auf die Möglichkeit, sich im Internet das Formular für die Beantragung der Hilfen runterladen zu können. Das soll nach Auskunft der Behörden am Abend möglich sein. Wann und wieviel Geld er bekommen wird, weiß er immer noch nicht. Auch die genaue Berechnungsmethode ist ihm noch nicht klar. „Mein Steuerberater hat mir jedenfalls gesagt, dass er mir nicht beim Ausfüllen des Formulars helfen darf“, so Wallenstein.

Video: Domjahn, Thomas

24. März

Stefan Wallenstein befindet sich im Home Office – obwohl das der falsche Begriff ist, wie er erklärt. „Wir Friseure verdienen unser Geld ja nicht durch Home Office und ich habe deshalb auch keines. E-Mail-Verkehr mit den Kunden läuft hauptsächlich im Salon während der Geschäftszeiten. Momentan bedeutet Homeoffice für mich, meinen Kunden gute Worte zu senden, ihnen zu sagen, sie sollen gesund bleiben, und ihnen zu bestätigen, dass der Salon geschlossen ist.“

Der Friseur Stefan Wallenstein sitzt bei sich zu Hause am Computer. „Momentan bedeutet Home Office für mich, meinen Kunden gute Worte zu senden, ihnen zu sagen, sie sollen gesund bleiben, und ihnen zu bestätigen, dass der Salon geschlossen ist“, sagt er.
Der Friseur Stefan Wallenstein sitzt bei sich zu Hause am Computer. „Momentan bedeutet Home Office für mich, meinen Kunden gute Worte zu senden, ihnen zu sagen, sie sollen gesund bleiben, und ihnen zu bestätigen, dass der Salon geschlossen ist“, sagt er. | Bild: Wallenstein

23. März

Die Regierung beschließt Hilfen für Kleinunternehmer. Diese sollen als Soforthilfe und nicht als Kredit ausgezahlt werden. Stefan Wallenstein, der Solo-Selbständiger ist und sich seinen Salon mit zwei anderen selbständigen Friseuren teilt, weiß noch nicht, wieviel Geld bei ihm ankommen wird.

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21. März

Alle Friseure in Baden-Württemberg müssen ihre Salons schließen. „Natürlich mache ich mir seitdem wirtschaftliche Sorgen. So etwas habe ich in 20 Jahren Selbständigkeit noch nicht erlebt“, sagt er. Grundsätzlich habe er habe Verständnis für die Maßnahmen. Jeder müsse seinen eigenen Egoismus zurückstellen, sagt er.

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17.-20. März

Obwohl Friseurgeschäfte noch geöffnet sind, geht kaum jemand hin. „An einem Tag hatten wir gerade mal zwei Kunden“, erinnert sich Wallenstein. Er befindet sich täglich im Austausch mit seinen Geschäftsnachbarn, dem Café Dom und dem indischen Restaurant Rambagh Palace. „Wir hatten gleichermaßen mit dem Kundenschwund und der Unsicherheit zu kämpfen“, sagt Wallenstein.

Video: Domjahn, Thomas

16. März

Die Regierung schließt Spielplätze, Sportstädten, Bars, Cafés und Geschäfte. Restaurants müssen um 18 Uhr schließen. Friseure sind noch von dem Verbot ausgenommen. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir erstmals wirtschaftliche Sorgen um meinen Friseursalon gemacht“, sagt Wallenstein.

Der Friseur Stefan Wallenstein steht vor seinem Friseurgeschäft in Konstanz.
Der Friseur Stefan Wallenstein steht vor seinem Friseurgeschäft in Konstanz. | Bild: Domjahn, Thomas

Kurz vor Weihnachten

Stefan Wallenstein hört zum ersten Mal vom Coronavirus. „Ich habe damals durch Zufall in den Nachrichten vom Ausbruch der Krankheit in Wuhan erfahren. Das war alles für mich noch weit weg“, sagt er.

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