Rund 72 Millionen Fahrräder sind auf Deutschlands Straßen unterwegs, davon immer mehr mit einem Elektroantrieb. E-Bikes – vom Stadtrad bis zum Mountainbike – sind schlicht der Renner und haben der Fahrradindustrie hierzulande auch im vergangenen Jahr zu ordentlichen Geschäftszahlen verholfen. „Die Saison 2015 war für die gesamte Fahrradbranche sehr erfolgreich und setzt den positiven Trend fort“, erklärte Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV), beim Branchengespräch der Messe Eurobike, die heute in Friedrichshafen zum 25. Mal beginnt. Etwa 4,35 Millionen Fahrräder wurden im Jahr 2015 verkauft, womit die Branche einen Umsatz von 2,42 Milliarden Euro erzielte. „Wir sehen weiter ein erhebliches Wachstumspotenzial“, so Neuberger.

Vor allem der Markt für Elektroräder boomt: 535 000 wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft, fast 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Produziert wurden hierzulande 305 000 E-Bikes, knapp die Hälfte ging in den Export. 370 000 Elektroräder wurden importiert, wobei zwei Drittel davon aus dem EU-Ausland kamen. „Pro Kopf verkaufen wir in Deutschland die meisten E-Bikes“, stellte Siegfried Neuberger fest. Der Anteil der Elektroräder am Gesamtmarkt ist auf 12,5 Prozent gestiegen. Damit sei das riesige Wachstumspotenzial dieses Segments noch lange nicht ausgereizt. Die Branche rechnet nach einem – wegen des schlechten Wetters – nicht ganz so guten Geschäft im ersten Halbjahr mit einem Verkauf von 560 000 E-Bikes in diesem Jahr, was einem erneuten Umsatzplus von 5 Prozent entspräche.

Trend zum E-Bike bereits früh erkannt

Die Messeveranstalter von der Eurobike haben schon frühzeitig aufs E-Bike gesetzt und dessen Potenziel erkannt, erklärte Projektleiter Stefan Reisinger beim internationalen Branchengespräch. Bereits vor zehn Jahren hatte es bei der Radmesse in Friedrichshafen einen Parcour gegeben, auf dem Elektroräder getestet werden konnten. Nicht nur für Susanne Puello, Geschäftsführerin der Winora Group, ist der E-Bike-Markt schier grenzenlos, weil der Antrieb in nahezu jedem Radsegment zum Einsatz kommen kann und gerade im sportiven Bereich – vor allem bei Mountainbikes – immer stärker nachgefragt wird. Laut einer Umfrage des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr gab knapp die Hälfte der Befragten an, beim Kauf eines neuen Rades bevorzugt ein E-Bike kaufen zu wollen.

Aber auch City- und Tourenräder, Rennmaschinen und Mountainbikes sind gefragt. Nur in Holland haben pro Kopf mehr Bürger ein Fahrrad, so Neuenburger. Allerdings kaufen immer mehr Leute ein Fahrrad auch im Internet. Nach Angaben des ZIV gingen im vergangenen Jahr 170 000 (13 Prozent) Räder über den Internetversand an den Kunden. Ralf Kindermann, Geschäftsführer der Internetstores GmbH, glaubt trotzdem nicht, dass der Online-Handel den stationären Handel verdrängen wird. Beide Vertriebswege sieht er in Zukunft miteinander verzahnt. Multichannel-Marketing sei auch in der Radbranche immer stärker angesagt, wenn der Endverbraucher dies wünscht und nachfragt. „Der stationäre Handel wird weiter gebraucht“, erklärte Winora-Chefin Susanne Puello. Den Weg zum Endverbraucher ebnet allerdings schon ein Stück weit der Hersteller mit Internetseiten, die umfassende Informationen bieten und dann auf den Fachhandel verweisen.

„Da hat sich schon viel bewegt“

Auf der digitalen Winora-Plattform seien bereits 850 Händler eingebunden. Der Kunde soll „online anschauen und offline kaufen“, brachte Puello diese Strategie auf den Punkt.

So viele Räder auf den Straßen in Deutschland wie nie bringe aber auch Aufträge an die Politik mit sich, erklärte der ZIV-Geschäftsführer in Friedrichshafen. Die Infrastruktur für Räder müsse angepasst werden – von sicheren Abstellanlagen für E-Bikes bis hin zu Radschnellwegen. „Da hat sich schon viel bewegt“, so Siegfried Neuberger, der auf einen Zehn-Punkte-Forderungskatalog des ZIV einging, den der Verband im April verabschiedet hat. Eine Forderung ist etwa die Aufnahme von neuen Radschnellstraßen in den Bundesverkehrswegeplan. Der Radverkehr sei schließlich „der Schlüssel für die Mobilität in lebenswerten Städten“.


Eurobike 2016

Heute beginnt die 25. Eurobike auf dem Messegelände in Friedrichshafen. Bis Freitag, 2. September, präsentieren sich hier 1350 Aussteller aus 46 Ländern nur den Fachbesuchern. Am Wochenende, 3. und 4. September, steht das Messegelände dann erstmals an zwei Tagen dem allgemeinen Publikum offen. Bei den „Festival Days“ können die Besucher unter anderem 3000 Räder testen und auf rund zehn Kilometer langen Teststrecken ausprobieren.