Wer das Rentenalter erreicht hat oder sich in den kommenden Jahren in den Ruhestand verabschiedet, kann sich freuen: Die Renten steigen im nächsten Jahr um gut drei Prozent. In Ostdeutschland beträgt die Rentensteigerung sogar fast vier Prozent. Das sind Zuwachsraten, die für die meisten Arbeitnehmer – sofern sie nicht in der zahlungskräftigen Metall- und Elektroindustrie arbeiten – nur ein Wunschtraum bleiben dürften. Hinzu kommt, dass das Rentenniveau nach einem Beschluss des Bundestages trotz des demografischen Wandels bis 2025 nicht unter 48 Prozent sinken wird. Wie es danach weitergeht, soll eine Kommission beraten. Doch damit nicht genug. Mütter bekommen – unabhängig davon ob sie jemals in die Rentenkasse eingezahlt haben – pro vor 1992 geborenen Kind eine Rentenerhöhung von 15,35 Euro im Osten und 16,02 Euro im Westen. Gesamtkosten für die Ausweitung der Mütterrente: 3,8 Milliarden Euro. Auch wer krankheitsbedingt früher als geplant in Rente gehen muss, erhält künftig mehr Geld.

Angesichts dieser Wohltaten fühlt man sich unweigerlich an den Kölner Karnevalsschlager von Jupp Schmitz aus der Nachkriegzeit erinnert. "Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt/ wer hat soviel Pinke-Pinke, wer hat soviel Geld?", heißt es dort. Die Antwort auf diese Frage ist einfach: die Beitragszahler. Schon heute beträgt der Beitragssatz 18,6 Prozent vom Einkommen. Bis 2025 wird dieser sogar laut Prognosen auf 20 Prozent anwachsen.

Um grundsätzliche Reformen der Rente hat sich die Politik in den letzten Jahren gedrückt. Dabei weiß jedes Kind, dass unsere Gesellschaft sich aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der gesunkenen Geburtenraten in einer Schieflage befindet. Diese Schieflage wird im Rentensystem in den kommenden Jahren erst richtig spürbar, wenn die Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht. Doch diese bittere Wahrheit will man dem Wähler frei nach dem Motto "Es kann nicht sein, was nicht sein darf" nicht zumuten.

Wohin es führt, wenn man die Renten ohne systemische Gegenfinanzierung immer weiter steigen lässt, zeigt das Beispiel Österreich. 14 Prozent des Bundeshaushalts gehen bei unserem Nachbarn vom Steuerzahler in die Pensionskasse – das ist das Fünffache dessen, was die Regierung in Wien für Universitäten ausgibt. Das Alpenland ist ein Paradies für Rentner, aber ein Albtraum für Beitrags- und Steuerzahler. Mit Generationengerechtigkeit hat diese Rentenpolitik nur wenig am Hut.

Ein Reparaturansatz wäre, das Renteneintrittsalter weiter zu erhöhen, so wie es die fünf Wirtschaftsweisen seit Jahren fordern. Mathematisch geht diese Rechnung auf, doch emotional ist sie nur schwer zu vermitteln. Wer will schon bis 70 arbeiten, zumal die Digitalisierung und der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit den psychischen Druck auf viele Arbeitnehmer weiter erhöhen?

Auch die private Vorsorge wird von vielen Deutschen bisher nur stiefmütterlich betrieben. Vor allem von den Chancen der Finanzmärkte profitieren immer noch viel zu wenig Bürger. Zurecht hat Friedrich Merz zuletzt darauf hingewiesen, dass andere Länder in diesem Punkt deutlich weiter sind. Denn wer sich über Aktien an Unternehmen beteiligt, ist später weniger abhängig von der staatlichen Solidargemeinschaft. Und auf lange Sicht sind die Risiken überschaubar.

Doppeltes Stimmrecht für Eltern?

Vielleicht liegt das Problem aber noch viel tiefer. Denn in unserer Demokratie sind alle nicht volljährigen Bürger von der politischen Beteiligung ausgeschlossen. Jeder dritte Wähler ist mittlerweile über 60 Jahre alt. Da liegt es in der Natur der Sache, dass die Parteien sich vor allem nach den Wünschen der Älteren richten. So wird derzeit viel mehr über Altersarmut als über Kinderarmut gestritten, obwohl letztere deutlich brisanter ist. Hätten Eltern ein Wahlrecht für ihre minderjährigen Kinder, würde das die politische Stoßrichtung gravierend ändern.