Herr Börsch-Supan, ist die Rente noch sicher?

Ja. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass es sich nicht mehr lohnt, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Dabei wird die Rente auch in Zukunft ansteigen, wenn auch nicht mehr so stark wie die Löhne. Die Generation unserer Kinder wird 30 Prozent mehr Rente bekommen als meine Generation. Die Produktivität unserer Wirtschaft wird weiter steigen, wovon auch die Rentner profitieren, auch wenn ein kleinerer Teil davon dem demografischen Wandel zum Opfer fällt.

Ist der demografische Wandel also gar nicht so schlimm?

Wir profitieren von einem historischen Zufall. Durch den demografischen Wandel entsteht ein Mangel an jungen Arbeitskräften. Gleichzeitig sorgt die Digitalisierung dafür, dass Computer und Maschinen zumindest teilweise die Arbeit für uns machen können. Das passt doch hervorragend zusammen!

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Sind Sie denn so sicher, dass die Digitalisierung Jobs vernichtet?

Das weiß niemand so genau. Man kann sicher sagen, dass Arbeitsplätze wegfallen werden. Das betrifft sowohl Industriejobs als auch den Dienstleistungssektor. Selbst einige Rechtsanwälte könnten durch kluge Algorithmen ersetzt werden. Gleichzeitig werden jedoch neue Jobs und Produkte entstehen. Nur welche dies sein werden, kann niemand seriös vorhersagen. Die wenigsten Experten haben zum Beispiel den Siegeszug der Smartphones kommen sehen.

Trotzdem warnen Sozialverbände vor einer steigenden Altersarmut. Ist die Einführung der Grundrente ein Schritt in die richtige Richtung?

Grundsätzlich es richtig, Menschen zu belohnen, die lange gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt haben. Die Grundrente hat aber nichts mit Altersarmut zu tun. Dazu ist die Grundsicherung da.

Wie beurteilen sie die politisch-handwerkliche Umsetzung der Grundrente?

Man hat mit der Grundrente ein Monstrum geschaffen. Das Gesetz ist voller Details, die noch undurchdacht sind und kein Mensch versteht. Auch die Idee, die Grundrente durch eine Finanztransaktionsteuer gegenzufinanzieren, ist wagemutig. Ich bezweifle, dass dieser Plan aufgeht.

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In letzter Zeit wurden Stimmen lauter, den Mindestlohn auf 12 Euro zu erhöhen. Würde das die Altersarmut lindern?

Das ist zu naiv gedacht. 12 Euro Stundenlohn reichen nicht, um eine auskömmliche Rente zu haben, dazu müsste der Lohn bei etwa 18 Euro liegen. So stark kann man jedoch die Löhne nicht erhöhen, denn dann würden viele Menschen mit niedrigem Ausbildungsniveau arbeitslos werden. Wenn die Lohnkosten für die Unternehmen zu hoch werden, stellen sie weniger ein und kaufen stattdessen Maschinen.

Welches Konzept schlagen Sie dann zur Bekämpfung von Altersarmut vor?

Man muss die Leute besser ausbilden, so dass die Unternehmen ihnen höhere Löhne zahlen. Der Staat müsste also mehr Geld in Bildung investieren. Auch deswegen ist die Einführung der Grundrente problematisch. Sie wird 1,5 bis 2 Milliarden Euro kosten. Dieser Betrag muss aus dem Bundeshaushalt kommen und dieses Geld steht dann nicht mehr für Bildung zur Verfügung.

Werden wir in Zukunft bis 70 arbeiten müssen, so wie es viele Ökonomen fordern?

Wenn wir länger leben, müssen wir auch länger arbeiten. Aktuell sehe ich aber keinen Reformbedarf. Wir haben ja schon stufenweise bis 2030 das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erhöht. Wenn danach die Lebenserwartung weiter steigt, müssen wir nochmal über das Renteneintrittsalter reden. Aber wenn die Lebenserwartung stagniert oder sogar sinkt wie in den USA, sehe ich keine Notwendigkeit, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Das Rentensystem muss sich unseren Lebensbedingungen anpassen.

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Könnte eine stärkere Verbreitung von Betriebsrenten unsere Rentenlücke füllen?

Ja, da haben wir noch viel Luft nach oben. Gerade im unteren Einkommenssegment haben die wenigsten Menschen eine Betriebsrente. Für die Generation der Babyboomer, die bald in Rente geht, helfen höhere Betriebsrenten allerdings nicht mehr, denn einen solchen Kapitalstock muss man sich über Jahrzehnte aufbauen. Das heißt, die Babyboomer hätten in den 80er-Jahren anfangen müssen, in eine Betriebsrente einzuzahlen. Langfristig wäre es wichtig, als zweite Säule eine kapitalgedeckte Rente zu haben, welche die gesetzliche Rente ergänzt.

Ist der Generationenvertrag angesichts des demografischen Wandels überhaupt noch zeitgemäß?

Ja. Ein Generationenvertrag kann atmen und auf positive und negative Ereignisse schnell reagieren. Das haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Wiedervereinigung gesehen. Wir brauchen eine Mischung zwischen diesem Umlageverfahren und kapitalgedeckten Renten wie Betriebsrenten.

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Sollten künftig auch Beamte und Selbständige in die Rentenversicherung einzahlen?

Bei den Selbständigen gibt es tatsächlich Reformbedarf. Diejenigen, die keine berufsständische Versicherung haben, stehen oft mit leeren Händen da. Wer erst mit 50 an die Altersvorsorge denkt, hat keine Chance auf eine auskömmliche Rente mehr. Deshalb sollten diese Selbständigen auch in die gesetzliche Rente einzahlen oder alternativ vorsorgen. Bei den Beamten wäre ich ebenfalls dafür, sie in die gesetzliche Rentenversicherung einzubinden. Denn dass Beamte nicht in die Rente einzahlen, wird in der Bevölkerung als Ungerechtigkeit wahrgenommen. Die Beamten können dann immer noch eine Zusatzversorge ähnlich wie Betriebsrentner haben.

Alte Menschen sind in der Wählerschaft in der Mehrheit. Machen Politiker deshalb schon aus systemischen Gründen eine Politik zu Lasten der jungen Generation?

Das Problem ist eher, dass die jungen Menschen nicht für ihre Rente auf die Straße gehen. Im Wesentlichen engagieren sich die alten Leute für die Rente. Das gibt der Politik eine Schieflage. Fridays for Future engagiert sich zum Beispiel fürs Klima, aber nicht für die Sozialsysteme. Die Politiker hören deshalb eher auf die Alten, weil sie eine höhere Wahlbeteiligung haben und bei der Rente lauter schreien.

Was würden Sie einem jungen Menschen empfehlen, um fürs Alter vorzusorgen?

Erstmal geht es darum einen gut bezahlten sozialversicherungspflichtigen Job zu haben. Wer dann noch genug Geld übrig hat, sollte in einen breit diversifizierten Aktienfonds investieren und diesen langfristig halten.

Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan.
Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan. | Bild: Max-Planck-Institut