Herr Würth, ist Fleiß das entscheidende Kriterium für Erfolg?

Ich habe so viel malocht in den vergangenen 70 Jahren, dass es für zwei Leben reichen würde. Fleiß ist die Hauptingredienz des Erfolgs. Man sagt ja: Ohne Fleiß kein Preis. Das stimmt tatsächlich. Nur ganz wenigen Menschen fliegt alles zu. Da hat dann ein Software-Entwickler einen Geistesblitz, füllt eine Marktlücke aus und wird damit reich. Bei mir war das nicht so.

Wie fühlt sich harte Arbeit an? Sie wurden ja mit 19 Jahren früh in die Pflicht genommen, als Ihr Vater starb.

Im Grunde darf Arbeit keine Pflicht, ja keine Bürde sein, sondern sollte eine Hobby-Komponente, also eine sportliche Komponente enthalten. Dann macht das auch Freude. Arbeit bereitet mir ein Vergnügen wie das Spielen mit einer elektrischen Eisenbahn.

Wie haben Sie dann einen Global Player erschaffen?

Schaffe muss man, schaffe. Ganz einfach.

Die schwäbische Hauptdisziplin führt einen also zum Erfolg.

Genau. Das Schaffe hat mich nach oben gebracht. Hinzu kommt nach wie vor die Lust, die einem das Verkaufen bereitet. Der Verkäuferberuf ist der schönste Beruf, den es gibt.

In Zeiten stürmischen Wachstums war Geld für die weitere Expansion manchmal knapp.

Ja, so hat mich der Chef der Volksbank in Künzelsau mal zu sich gerufen und gesagt: Würth, nun hast du dein Konto schon wieder überzogen. Wenn du das noch einmal machst, sperre ich dir alle Schecks.

Welche Lehren haben Sie gezogen?

Ich habe erkannt, dass Wachstum ohne Gewinn tödlich ist. Das ist die wichtigste Erkenntnis des Lebens für mich. Ich bin also nur Risiken eingegangen, die nicht existenzgefährdend sind. Dann habe ich mir geschworen, nie von Banken abhängig zu sein. Viele Unternehmer haben sich gedacht, erst einmal Umsatz zu machen und darauf zu warten, dass sich irgendwann Gewinn einstellt.

Tödlich ist aus Ihrer Sicht aber eine weitere Untugend, die Ihnen ein Leben lang besonders gegen den Strich geht.

Das ist die Arroganz. Den größten Kampf, den ich heute führe, ist es, die Arroganz aus meinem Unternehmen fernzuhalten. Wir dürfen uns von der Macht des Erfolgs nicht korrumpieren lassen. Wir sind hier in Künzelsau der bei weitem größte Gewerbesteuerzahler. Trotzdem wollen wir nicht anders behandelt werden als andere Firmen und Bürger. Wir treten bescheiden auf. Ich dulde auch keine Arroganz im Unternehmen. Arroganz hält sich hier nicht lange. Ab und zu nehmen wir mal einen Seiteneinsteiger ins Management auf. Doch immer wieder zeigt sich, dass es Manager gibt, die die Arroganz nahezu gepachtet haben und von oben herab agieren. Das geht nicht. Man muss mit Mitarbeitern auf einer Ebene sprechen. Ich bin ja auch mit vielen per Du.

Unternehmer wie Sie werden oft als Patriarch bezeichnet und sträuben sich gegen den Titel. Wie halten Sie es?

Für mich ist der Begriff des Patriarchen nicht negativ belegt. Patriarchen gelten als erfahrene und weise ältere Männer, die den Respekt ihrer Umgebung erfahren. Wenn mich jemand Patriarch nennt, hätte ich nichts dagegen.

Schraubenkönig wollen Sie aber nicht genannt werden.

Das ist ein grausiger Begriff. Schrauben sind ja tote Gegenstände. Schraubenkönig ist ein echt blöder Name.

Im Juni wurden Sie dahingehend zitiert, Sie würden über einen kompletten Rückzug aus der Firma nachdenken und sich auch vom Amt des Vorsitzenden des Stiftungsaufsichtsrates der Würth-Gruppe verabschieden. Wie sehen Sie das heute?

Ich bleibe natürlich Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrates. Das habe ich mir vorbehalten. Das ist das finale Machtzentrum des Konzerns. Das Amt behalte ich mal, auch wenn ich mich aus dem Tagesgeschäft schon weitgehend zurückgezogen habe.

Was motiviert Sie?

Geld ist es nicht. Man kann nur ein Schnitzel am Tag essen. Was mich motiviert ist die Freude am Erfolg, also ein Ziel zu erreichen. Das gilt für mich als Geschäftsmann wie als Kunstsammler. So baue ich jetzt hier in Künzelsau ein weiteres Museum, wo die Meisterwerke der Moderne und der Gegenwart meiner Sammlung, also etwa die Picassos, Polkes, Kiefers, Richters und Liebermanns, in einer Dauerausstellung zu sehen sind. Natürlich ist auch die Familie für mich eine Quelle der Motivation. Wir haben ein gutes Verhältnis in der Familie. Alle sagen Reinhold zu mir. Keiner sagt Opa. Was mich immer motiviert hat, ist die enge Verbindung zu Mitarbeitern. Das geht hier bei uns in Baden-Württemberg alles sehr familiär zu. Das führt zu großem Vertrauen.

Sie sind seit jeher ein politischer Unternehmer. Wie zufrieden sind Sie denn mit den Politikern in diesem Land?

Ich bin sehr zufrieden mit Winfried Kretschmann, unserem Ministerpräsidenten. Er ist ein hervorragender Landesvater. Er ist ein sehr sympathischer Mann, der sogar Altgriechisch spricht. Aus Anerkennung für Kretschmanns Leistungen habe ich bei der Europawahl die Grünen gewählt.

Sie sind ja auch Kunstsammler. Wie sind Sie das geworden und was hat Sie bewogen, über 18 000 Werke zu kaufen?

Ich bin über einen Freund und Galeristen zur Kunst gekommen. Es wurde dann zu einer Passion. Was mir wichtig ist: Ich sammle nicht nur Spitzenkünstler, sondern auch unbekannte. Meine These lautet: Jeder Künstler gibt sein Bestes, wenn er ein Kunstwerk erschafft. Es ist wie im Sport: Die Olympiasieger kommen aus dem Breitensport. So stelle ich mir das auch in der Kunst vor: Es gibt tausende von wunderbaren Künstlern, die es verdient hätten, weltberühmt zu werden. Doch sie haben keinen Galeristen oder Promoter gefunden und sind unbekannt geblieben. Dem beuge ich vor, indem ich auch Künstler sammle, die nicht bekannt sind.

Ist Kunst für Sie auch Geldanlage?

Wenn ich zwei Kunstwerke begutachte, die mir beide sehr gut gefallen und das eine hat mehr finanzielles Potenzial als das andere, kaufe ich das, was wohl mehr an Wert zulegen wird. Ich bin ja Kaufmann. Kunst ist für unser Unternehmen auch Sicherheit. Wir bilanzieren alle Werke zum Ankaufspreis. Da sind ganz schöne Reserven drin. Mir ist es auch wichtig, dass die Mitarbeiter mit Kunst in Berührung kommen. Das hebt die Motivation.