Plötzlich steht er da und lehnt lässig an einer roten Mercedes S-Klasse. Der eine ist eine Legende und die andere ist es auch. Legende Nummer eins: Clemens Schickentanz, seines Zeichens Rennfahrer, Sunnyboy und für seine Abflüge von der Piste berüchtigter Draufgänger. Nicht irgendwann, sondern in einer Zeit, in der Rallyesport noch lebensgefährlich war.

Legende Nummer zwei: Die Rote Sau. Mit dem vor Kraft nur so strotzenden Rufnamen bezeichnen Rallyefreunde jenen Rennwagen, in dem Schickentanz mit seinem Partner Hans Heyer in den frühen 1970er Jahren seine bis dato größten Erfolge eingefahren hat. Nebenbei haben die beiden damit übrigens maßgeblich zum Aufstieg der wohl profitabelsten Firmentochter des Stuttgarter Daimler-Konzerns beigetragen. Ihr Name: AMG aus dem schwäbischen Affalterbach.

308 Runden, Höchstgeschwindigkeit 278 km/h

Aber der Reihe nach: Man schreibt das Jahr 1971. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke im belgischen Spa findet zum 23. Mal das prestigeträchtige 24-Stundenrennen statt. Dort schicken Marken wie Ford, Chevrolet, Opel oder Alfa-Romeo ihre stärksten Schlitten ins Rennen. Sie heißen Capri, Camaro, Commodore oder GTA und prusten nur so vor Kraft. Spa ist schon damals Kult. Wer den Ardennen-Kurs gewinnt ist ein Held, und sein Auto will jeder haben.

Die Rote Sau war eigentlich eine S-Klasse von Mercedes-Benz, die der damals noch recht unbekannte Tuner AMG aus Affalterbach rallye-tauglich gemacht hatte. Durch Top-Platzierungen bei 24-Stundenrennen wurde das Auto zur Legende.
Die Rote Sau war eigentlich eine S-Klasse von Mercedes-Benz, die der damals noch recht unbekannte Tuner AMG aus Affalterbach rallye-tauglich gemacht hatte. Durch Top-Platzierungen bei 24-Stundenrennen wurde das Auto zur Legende. | Bild: Rosenberger

An diesem Tag steigen zwei Jungspunde in einen für die Strecke eigentlich viel zu schweren Daimler. Typ: S-Klasse, 300 SEL. Eigentlich ist der Wagen eher ein Diplomatenfahrzeug als ein Rennauto, aber eine Mukkibude für biedere Altherrenkutschen namens AMG hat dem Daimler so richtig Power eingeimpft. Daher prangt am Heck jetzt den Namenszusatz AMG 6,8.

Schickentanz machte AMG bekannt

Der AMG ist eine Bestie. Knallrot, tiefergelegt, hat extrabreite Reifen und mehrere Frontscheinwerfer. Er ist die Rote Sau. So jedenfalls wird der mythenumrankte Sportwagen später genannt werden – weil er abgeht wie Hölle und Wumms hat für zwei. Schickentanz und Heyer zähmen das Tier nicht, sie reiten es voll aus. Am Ende belegen sie bei dem Ardennenklassiker auf Anhieb einen spektakulären 2. Platz und fahren den Klassensieg ein.

Die erst 1967 gegründete Firma AMG ist in der Szene plötzlich ein Name und wird zum Synonym für Autos mit überbordender Kraft bei gleichzeitig hoher Zuverlässigkeit. Möglich machen‘s schwäbische Ingenieure und Haudraufs wie Schickentanz oder Heyer, die die Wagen auch regelmäßig testen.

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Schicketanz, der lange auch Porsche fuhr, liebt die Rote Sau noch heute. „Ein Auto muss Qualm haben“, sagt er. „Und der AMG hatte Qualm.“ Auf 278 Stundenkilometer Spitze habe er den Daimler auf dem 308 Runden langen Parcours in Spa hochgeprügelt, sagt der 75-Jährige am Rand der IAA dem SÜDKURIER. Später, in Monza, gelang ihm das wieder. „Das war ein Auto!“

Der blonde Hühne, der so aussieht, wie Sascha Hehn in einigen Jahren, ist gut drauf an diesem Tag. In Halle vier auf dem IAA-Messegelände steht alles, was sein Leben geprägt hat. Klassische Autos von Mercedes, Alfa, BMW und Porsche. Bekannt geworden ist er allerdings vor allem mit den Schwaben – Mercedes/AMG und Porsche aus Zuffenhausen.

Größter Erfolg im Porsche 911

Mit AMG verbindet ihn die Rote Sau und mehrere erfolgreiche Starts bei 24-Stunden-Rennen. Mit einem Porsche 911 Carrera wiederum fuhr Schickentanz 1973 seinen größten Erfolg ein – den Titel in der GT-Rennserie. „Das waren bewegte Zeiten“, sagt er. „Immer auf der Piste, manchmal auch daneben, aber immer war was los.“

Was denn einer mit so viel Benzin im Blut von den neuen E-Autos halte, will der Journalist wissen. „Die sind toll“, sagt die Rennlegende, die auch schon mit Hans-Joachim Stuck seine Runden drehte und mit Walter Röhrl befreundet ist. „Elektroautos haben eine beeindruckende Leistung, und die liegt ab der ersten Umdrehung an.“ Den Tesla, den er vor einiger Zeit gefahren sei, habe er am liebsten glatt behalten wollen.

„Es ist wurscht, wie es angerichtet ist, es muss aber schmecken.“

Die deutschen Hersteller hätten so einiges verschlafen, unkt es und guckt verschmitzt in die Runde. Bei Autos sei es wie mit dem Essen, sagt er. „Es ist wurscht, wie es angerichtet ist, es muss aber schmecken.“ Egal ob ein E-Motor oder ein Benziner drinnen stecke.

Rallye-Legende Schickentanz vor einem neuen AMG-Boliden, auf dem neben der Motorhaube sein Name prangt.
Rallye-Legende Schickentanz vor einem neuen AMG-Boliden, auf dem neben der Motorhaube sein Name prangt. | Bild: Rosenberger

Womit er dann wieder auf die 70er Jahre und das wahre Geheimnis seines Erfolgs zu sprechen kommt. Bevor er in die rote Sau eingestiegen sei, habe er immer ein gebratenes Hähnchen gegessen. Die Gummiadler haben ihm auf der Strecke wohl Flügel verliehen.