Thomas Domjahn: Die Forderung passt in die Zeit 

Der Metall- und Elektrobranche geht es gut. Die Nachfrage in Deutschland bleibt hoch und auch die Exporte laufen weiter auf Hochtouren. Stand heute ist ein Ende des Wachstumskurses nicht in Sicht, auch wenn die fünf Wirtschaftsweisen zuletzt auf erste Anzeichen einer Überhitzung der Wirtschaft hingewiesen haben. Insofern ist die Forderung der Arbeitnehmer nach mehr Lohn völlig berechtigt. Denn auch sie sollten vom Aufschwung mitprofitieren. Dass die Gewerkschaft im Verhandlungsprozess ihr anvisiertes Lohnplus von sechs Prozent durchsetzen kann, ist nicht zu erwarten. Aber ein Lohnplus oberhalb von vier Prozent sollte schon drin sein.

Kontroverser ist die Forderung der IG Metall nach einem Recht auf Arbeitszeitverkürzung. Übergangsweise sollen Metaller ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden reduzieren dürfen. Aber auch diese Forderung ist im Kern berechtigt. Wer Kinder erziehen oder seine Eltern pflegen muss, kann einfach nicht 40 Stunden pro Woche für seine Firma da sein. Die Forderung passt in den Zeitgeist, denn eine ausgewogene Balance zwischen Berufs- und Privatleben wird vielen Menschen immer wichtiger. Gerade die stark umworbenen jungen Arbeitnehmer ("Generation Y") legen viel Wert auf etwas mehr Freiheit. Insofern nutzt die Flexibilität auch den Unternehmen bei der Mitarbeitergewinnung.

Walther Rosenberger: Die Metaller sind weg von der Realität

In der aktuellen Tarifrunde hat die IG Metall das rechte Maß verloren. Es geht nicht nur um ihre Forderung von sechs Prozent mehr Lohn. Es geht vor allem darum, dass die Beschäftigten ein Anspruch erhalten sollen, die Arbeitszeiten für zwei Jahre von 35 auf 28 Stunden abzusenken und dann auch wieder voll aufstocken zu können. Je nach Lebenssituation sollen die Werker dafür noch einen Entgeltausgleich erhalten. Alles summiert sich nach Arbeitgeberrechnung auf zwölf Prozent mehr auf dem Lohnzettel. Und das wohlgemerkt in einer Phase, in der der Verteilungsspielraum – also der Produktivitätszuwachs in den Betrieben und die Inflation – ein Lohnplus von nicht einmal drei Prozent rechtfertigen würde. 

Angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Metall-Betriebe Umsatzrenditen von weniger als drei Prozent aufweist, ist diese Forderung nicht nur heillos überzogen, sondern auch für viele Firmen bestandsgefährdend. Das Maß an Flexibilisierung, das der Gewrkschaft vorschwebt, überfordert insbesondere die Kleinbetriebe. Wer soll die Arbeit machen, wenn in einer 3-Mann-Abteilung, einer in Teilzeit, einer in Elternzeit und einer krank ist? Tatsächlich betreibt die sich gerne volksnah gebende Gewerkschaft aktuell eine Tarifpolitik, die allenfalls noch von Konzernen irgendwie gestemmt werden kann. Vom Normalo-Unternehmen ist sie sehr weit entfernt.