Dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt wird das Zitat nachgesagt: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“. Das ist eine ziemlich traurige Auffassung von Politik und allenfalls während einer Phase der Krisenbewältigung erträglich, in der Politik auf Ereignisse reagieren muss, die sie selbst nicht herbeigeführt hat oder kontrollieren kann. Schon eine ganze Weile scheint sich die gegenwärtige Bundeskanzlerin in einem solchen Krisenbewältigungsmodus zu befinden. Mit ihrem nüchternen Pragmatismus hat sie das Land schon durch etliche Krisen steuern müssen. Und oft hat sie dabei gute Lösungen gefunden: Atomausstieg und Bankenrettung, Europa- und Euro-Stabilisierung und schließlich die Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Gefühlt hat Angela Merkel das letzte Mal auf dem Leipziger CDU-Parteitag 2003 offen gesagt, was sie will: Sie wollte eins der sozialen Sicherungssysteme, nämlich die Krankenversicherung, vom Lohn abkoppeln und die Beiträge als eine Art Kopfprämie erheben. Das hätte sie beinahe den Wahlerfolg im Jahr 2005 gekostet. Seither geht sie, gelinde gesagt, sehr vorsichtig mit Visionen um, wenn man von dem „Wir schaffen das“ absieht. Wir Wähler, nicht nur in Deutschland, brauchen aber Visionen. Das heißt Ideen und Vorgaben, wo es künftig wirtschaftlich und politisch langgehen soll. In der Klimapolitik beispielsweise ist eine solche Vision weltweit verbindlich beschlossen worden: Wir wollen die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzen. Das ist ein Ziel, hinter dem sich viele Menschen in der ganzen Welt versammeln können. Und ganz gewiss ist auch: Menschen versammeln sich gern hinter einer Idee. Sie sind nicht nur gern gegen alles Mögliche, sie möchten auch gern für etwas sein.

Das Klimaziel hätte zugleich eine andere weitreichende Bedeutung. In der neoliberalen Ära kannte die Wirtschaft eigentlich fast nur das eigene, selbst gesteckte Ziel der Gewinnmaximierung. Dem wurde alles andere untergeordnet, damit die Aktienkurse steigen. Das Klimaziel setzt dem Gewinnmaximierungsziel etwas entgegen, etwas Politisches. Daran aber scheint die Politik derzeit selbst noch nicht so recht zu glauben. Jedenfalls dann nicht, wenn man Kommentatoren ernst nimmt, die zu wissen glauben, wie eine große Koalition doch gut werden kann.

Ja doch, Europa muss umgebaut werden, damit es Zukunft hat. Und: Ja doch, es muss viel in die Infrastruktur investiert werden. Aber ob und wie das Steuersystem reformiert werden soll oder ob Teilzeitarbeiter ein Recht auf Rückkehr auf Vollzeitstellen bekommen sollen, das ist viel zu kleinklein gedacht um Menschen zu begeistern. Letzteres wäre aber notwendig, um die Erosion der Volksparteien und den Aufstieg von Populisten zu bremsen oder gar aufzuhalten.

Die Wirtschaft spielt bei alledem stets eine tragende Rolle. Überlässt man sie sich selbst, formuliert sie eigene eigennützige Ziele. Wer aber begreift, dass Wirtschaft eigentlich eine Methode ist, den Menschen ein erträgliches, wenn nicht gutes Leben zu ermöglichen, der muss ihr politisch und demokratisch formulierte Ziele vorgeben, auch wenn dies Visionen sind. Schließlich ist gerade Wunschzettel-Zeit.

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