Es ist der Versuch, direkt mit Kanzlerin Angela Merkel ins Gespräch zu kommen. Alles hat Vaude-Chefin Antje von Dewitz schon versucht: sie hat mit Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann geredet, Briefe an Behörden, Regierungspräsidien, Bundes- und Landtagsabgeordnete geschrieben. Doch ein Ergebnis kam dabei bisher noch nicht heraus.

Worum geht es? Das Unternehmen Vaude stellte insgesamt neun geflüchtet Menschen ein, bot ihnen einen Arbeitsplatz und engagierte sich so bei der auch von der Kanzlerin geforderten Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt. Doch nun droht fünf der neun Mitarbeiter die Abschiebung, zwei weitere sind noch im laufenden Asylverfahren. Das Unternehmen unterstützt seine Mitarbeiter in den juristischen Verfahren, doch es ist völlig offen, wie diese ausgehen. 

Didar Safdari aus Afghanistan arbeitet bei Vaude. Der Vater soll samt seiner Familie abgeschoben werden.
Didar Safdari aus Afghanistan arbeitet bei Vaude. Der Vater soll samt seiner Familie abgeschoben werden. | Bild: Kerstin Mommsen

Nun hat Antje von Dewitz einen Brief an Angela Merkel verfasst, der es in sich hat. Weder schäumt sie vor Wut, noch macht sie Vorwürfe. Sachlich erläutert die Geschäftsführerin, wie schwierig die derzeitige Flüchtlingspolitik für Unternehmen ist, die sich der Integration verschrieben haben. "Vor zwei Jahren haben Sie von der deutschen Wirtschaft gefordert, sich bei der Integration der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu engagieren. Diesem Aufruf sind wir mit großer Motivation und Engagement gefolgt", schreibt von Dewitz an Angela Merkel. Das Unternehmen habe sich in den komplexen Bereich der Anstellung Geflüchteter eingearbeitet, trotz aller bürokratischer Hürden und deutlicher Mehrkosten für Vaude, schreibt die Geschäftsführerin weiter. Doch nun seien sieben von neun Mitarbeitern von der Abschiebung bedroht.

"Neben den Kosten, der nervenaufreibenden Anspannung, der entstandenen Arbeitsbelastung, der tiefen Verzweiflung unter den Geflüchteten, bedeutet das im schlimmsten Fall für uns, dass wir sieben Mitarbeiter verlieren, die wir nicht leicht nachbesetzen können." Von Dewitz verweist dabei auch auf den wirtschaftlichen Schaden, den diese Abschiebungen haben würden. "Werden alle sieben Kollegen abgeschoben, rechnen wir mit Produktionsausfällen in Höhe von 247 000 Euro", heißt es in dem Schreiben. Im Anhang listet das Unternehmen auf, dass bereits Kosten in Höhe von 27 500 Euro entstanden sind. "Was ja besonders widersinnig ist, ist die Tatsache, dass es Zuschüsse der Arbeitsagentur gibt, um diese Menschen einzustellen. Wenn ein Unternehmen das dann tut, konterkariert die Gesetzgebung aber diese Bemühungen", erklärt von Dewitz gegenüber dieser Zeitung. "Aus heutiger Sicht war es von uns fast schon fahrlässig, diese Menschen einzustellen. Dies gilt im Hinblick auf die psychologische aber auch die wirtschaftliche Belastung, die wir nun zu tragen haben", so die Firmenchefin und kritisiert, dass der Bund die Verantwortung auf die Unternehmen abwälze.

Erst im Juli hatte der SÜDKURIER über die Probleme vieler Firmen berichtet, die in der Region gegen die Abschiebung ihrer Mitarbeiter kämpfen, darunter Vaude oder Naturata in Überlingen. Eine Anfrage an das baden-württembergische Innenministerium wurde damals so beantwortet: "Die Erleichterungen des Arbeitsmarktzugangs für Asylbewerber und Geduldete wurden in erster Linie geschaffen, um die Abhängigkeit der Ausländer von öffentlichen Sozialleistungen zu reduzieren", so Pressesprecher Carsten Dehner. Auf diese Aussage bezieht sich von Dewitz nun in ihrem Schreiben an die Kanzlerin. "Diese Antwort ist Hohn und Spott für das Engagement und eine völlige Ausblendung des wirtschaftlichen Schadens, der damit angerichtet wird", so die Vaude-Chefin. Sie fordert von Merkel daher ein Bleiberecht und Rechtssicherheit für Geflüchtete, die bereits auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. Nur so bekämen auch die Arbeitgeber Sicherheit und Klarheit. Zudem fordert von Dewitz ein Einwanderungsgesetz, "das zur Lösung der Herausforderungen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels" beitragen könne. Bisher hat sich die Kanzlerin noch nicht bei Antje von Dewitz zurück gemeldet. Der Brief liegt nun seit über einer Woche auf ihrem Schreibtisch.

Weitere Unternehmen

Nicht nur der Outdoor-Ausrüster Vaude kämpft um ein Bleiberecht für seine Mitarbeiter.

  • Weitere betroffene Unternehmen: Auch die Hotel Rad GmbH (Tettnang), der TN-Hausmeisterservice & Dienstleistungen (Friedrichshafen), das Hotel Landgasthof Kreuz (Bad Waldsee), die Brauerei Clemens Härle (Leutkirch), die Dietz Micro-Präszisions-Drehteile GmbH & Co. KG (Fronreute), Firma Ballof (Villingen)
  • Unternehmen, die die Forderungen von Vaude an die Kanzlerin unterstützen: Die Weleda AG (Schwäbisch Gmünd) und die 3pc GmbH (Berlin).
Dateiname : Offener Brief an Angela Merkel von Vaude
Dateigröße : 188.38 KBytes.
Datum : 27.09.2017
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