Hach ja, damals ... als man noch aufsprang, um den Lieblingssong im Radio mitzuschneiden, als mit selbst zusammengestellten Mixtapes noch Herzen erobert wurden, als der Bandsalat mit Bleistift und Geduld noch mal gebändigt werden konnte. Wer in den 80er oder 90er Jahren aufgewachsen ist, der kommt in Erinnerung an die Musikkassette oft ins Schwärmen. Andere werden nostalgisch, wenn sie an den klobigen Heimcomputer Commodore 64 denken, an die erste Spielekonsole von Nintendo oder die alten Party-Bilder aus der Sofortbild-Kamera.

Ein 26 Jahre alter Heimcomputer Commodore 64.
Ein 26 Jahre alter Heimcomputer Commodore 64. | Bild: Adam Warzawa/dpa

All diese Mulitmedia-Produkte prägen schon lange nicht mehr den Massenmarkt. Streaming-Dienste wie Spotify, Smartphone-Spiele und die Digitalfotografie haben sie von dort verdrängt. Laut Daten des Bundesverbands Musikindustrie ist etwa der Umsatz mit Kassetten in Deutschland von damals schon niedrigen 13 Millionen Euro im Jahr 2009 auf unter eine Millionen Euro im vergangenen Jahr gefallen. Einzig die Schallplatte erlebt bei den analogen Tonträgern schon länger ein Comeback: Zwischen 2009 und 2018 hat sich der Umsatz mit Vinyl auf 70 Millionen Euro versiebenfacht.

Die gute alte Schallplatte aus Vinyl.
Die gute alte Schallplatte aus Vinyl. | Bild: picsfive-stock.adobe.com

Doch in der Nische haben auch Musikkassette und Co. überlebt – und erfreuen sich dort sogar wachsender Beliebtheit. So sehr, dass Start-ups und Unternehmen neue Geschäftsmodelle um sie herum aufgezogen haben – oder alte aufrecht erhalten konnten.

Einst war der Walkman vor allem bei Jüngeren der Renner.
Einst war der Walkman vor allem bei Jüngeren der Renner. | Bild: Christin Klose/dpa

„Wir haben uns über die Jahre quantitativ sowie qualitativ immer wieder weiterentwickelt, um der stetig steigenden Nachfrage nach Kassetten nachzukommen“, sagt etwa Franziska Kohlhase vom Leipziger Unternehmen T.A.P.E. Muzik. Dort produziert eine Handvoll Mitarbeiter seit 2004 „Audiokassetten und Zubehör“, wie es auf der Internet-Seite heißt. Die Nachfrage käme vor allem von Bands, Labels oder Großkunden. Die Kunden liefern ihre Stücke als digitale Dateien. „Diese werden auf professionellen Kopiermaschinen direkt auf großen Tonbandrollen kopiert, bevor das Tonband dann in die Kassetten gespult wird.“ Das garantiere eine bessere Klangqualität als das Kopieren des Tonbands auf Kassetten.

Kein Einzelfall

Das Unternehmen ist kein Einzelfall. Auch größere Player haben den Trend erkannt und entsprechende Produkte ins Angebot genommen. Die Modekette Urban Outfitters etwa, die vor allem eine junge Zielgruppe im Blick hat, verkauft in ihrem Online-Shop Walkmen, Eminem-Kassetten oder Polaroidkameras. Das chinesische Start-up Ninm sammelt derzeit Geld für die Entwicklung eines tragbaren Kassetten-Players mit neuester Bluetooth-Technik. Auf der Seite des Unternehmens wird auch eine Sofortbildkamera angeboten im Design analoger Spiegelreflex-Kameras.

Auch die Fotografie

Denn der Retro-Trend bei Multimedia-Produkten erstreckt sich auch auf die Fotografie. 2018 seien in Deutschland 460 Millionen Sofortbildkameras verkauft worden, teilt der Photoindustrie-Verband mit – mehr als vier Mal so viel wie noch 2014. „Die Generation Z, die einen großen Anteil an der Käufergruppe von Sofortbildkameras stellt, reizt diese neue Erfahrung“, sagt eine Sprecherin. „Und natürlich können sich auch viele Nostalgiker für die Neuauflage des Sofortbildes begeistern.“

Die Sofortbildkamera – hier eine Polariod von 2008 – ist zunehmend gefragt.
Die Sofortbildkamera – hier eine Polariod von 2008 – ist zunehmend gefragt. | Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Und auch die modernen Versionen alter Spielekonsolen wie Nintendo Entertainment System oder der ersten Playstation kommen gut an. „Knapp jeder zweite Gamer (49 Prozent) in Deutschland findet die Neuauflagen von SNES, Playstation und Co. interessant“, ermittelte der Verband der deutschen Games-Branche jüngst in einer Umfrage.

Nicht nur für Ältere interessant

„In erster Linie funktionieren solche Trends natürlich gut bei Konsumenten, die die Zeit selber miterlebt haben“, sagt Sascha Raithel, Professor für Marketing an der Freien Universität Berlin. „Das ist auch ein psychisches Phänomen: Erfahrungen aus der Jugend werden positiver abgespeichert, als sie es eigentlich waren.“ Seltener könnten solche Trends aber auch bei jungen Menschen funktionieren, die die Zeit nicht mehr unmittelbar selbst erlebt hätten. Er warnt Unternehmen aber davor, mit der eigenen Zielgruppe alt zu werden. Häufig werde übersehen, dass nachwachsende Generationen andere Vorlieben hätten.

Trotzdem moderne Technik

Wohl auch deshalb konzentrieren sich die Anbieter von Retro-Produkten vor allem auf die Fassade: Alte Spielekonsolen mögen gut ankommen, doch die Grafik von damals sicherlich nicht. Deshalb steckt unter der Retro-Plastikhülle moderne Technik. Auch die damalige Klangqualität von Kassetten dürfte niemanden mehr überzeugen, und dass man einen Player mit dem Computer koppeln kann, wird dem Verkauf ebenfalls helfen. Die Originale mögen gefeiert werden, doch auf die digitalen Annehmlichkeiten von heute mag vor allem die jüngere Generation nicht komplett verzichten. (dpa)