In der Schweiz gibt es den schönen Begriff des „Service Public“, der mit öffentlichen oder staatlichen Unternehmen nur unzureichend übersetzt wird. Zum Service Public gehört alles, was man früher einmal unter hoheitlichen Aufgaben (des Staates) verstand: Polizei und Justizvollzug, Rundfunk und Fernsehen, Bahn und Post, Elektrizität und Wasser. Dazu kommen dann noch die kommunalen Unternehmen. Als in der Schweiz jüngst ein paar Jungliberale das öffentliche Radio und Fernsehen – die SRG – abschaffen wollten, lehnte die Stimmbevölkerung dieses Ansinnen eines auf reiner privater Profitgier basierenden Weltbilds, das die flächendeckende Informationsversorgung des viersprachigen Lands aufs Spiel gesetzt hätte, mit deutlicher Mehrheit ab.

Auch die Deutsche Post scheint auf Profitmaximierung zu setzen. Ob das rechtens, also legal ist, lässt jetzt sogar Finanzminister Scholz untersuchen. Es wurde ruchbar, dass man bei der Post eine Festanstellung nur bekommt, wenn man nicht länger als 20 Tage in zwei Jahren krankgeschrieben war und seine Arbeit – sei es das Sortieren oder das Verteilen der Post – in der vorgeschriebenen Zeitspanne erledigt. Genau die aber scheint der Grund für so manche Krankmeldung wegen Erschöpfung zu sein. Das ist das eine. Das andere ist für ein Unternehmen, an dem der Staat beteiligt ist, ein Skandal: Wieso bekommt jemand mit entsprechender Qualifikation und nach einer Probezeit nicht einfach eine feste Anstellung? Die Post als Arbeitgeber mit Zeitverträgen, also unsicheren Jobs? Die Post als Leuteschinder? Was sagt denn die zuständige Dienstleistungsgewerkschaft Verdi dazu? Vor allem: Wie hat sie sich bei der Einführung solcher Verträge verhalten? Und wieso sind Parlament und Regierung ihrer Aufsichts- und Fürsorgepflicht nicht nachgekommen?

Venedig gehört aus der Luft, übers Wasser, mit dem Auto oder dem Zug zu den beliebtesten Zielen des neueren Massentourismus. Dreißig Millionen Menschen pro Jahr suchen die Stadt heim, die vor zwanzig Jahren noch über 150 000 Einwohner zählte und heute noch 58 000. Die riesigen Kreuzfahrtschiffe verursachen irreparable Schäden in der auf Pfählen errichteten Lagunenstadt. Nun machen die schweizerischen Bundesbahnen (SBB) an allen Bahnhöfen und sonst wo seit Kurzem folgende Werbung: „Venedig. Und schon mittendrin – Fahrt in der 1. Klasse 40 % billiger.“ Venedig ist ein besonders gravierendes Beispiel dafür, wie staatliche (oder öffentlich rechtliche) Unternehmen um ihres Profits willen zu einer ökologisch und sozial völlig unverantwortlichen Politik beitragen. Die Regierungen schwadronieren zwar über Umwelt- und Klimaschutz, lassen aber ihre eigenen, nur profitorientierten Konzerne gewähren.

Vor nicht allzu langer Zeit warb dieselbe SBB überall in der Ostschweiz für um 50 Prozent ermäßigte Fahrten zum Weihnachtsmarkt in Konstanz. Ein Aufschrei der Empörung. Man darf gespannt sein, ob sie die Düpierung des heimischen Einzelhandels, der ja auch zu ihrer Kundschaft zählt, ein zweites Mal wagt.