Nachdem der Basler Pharmakonzern Novartis im vergangenen Jahr mit seinen Stellenstreichungsplänen an seinen Firmenstandorten in Wehr und Basel für eher negative Schlagzeilen gesorgt hatte, scheint sich das Blatt nun zu wenden: In Stein im Kanton Aargau, unweit der deutschen Grenze bei Bad Säckingen, plant das Unternehmen den Aufbau einer neuen Produktionsanlage für Zelltherapien. Wie Novartis am Montag in einer Pressemitteilung informierte, sollen zunächst 260 spezialisierte High-Tech-Stellen geschaffen werden, langfristig seien insgesamt 450 neue Positionen denkbar.

Für den Aufbau der neuen Anlage, die Novartis in eines der bestehenden Firmengebäude in Stein integrieren will, investiert der Konzern nach eigenen Angaben in den kommenden drei Jahren bis zu 90 Millionen Schweizer Franken, umgerechnet rund 78,6 Millionen Euro. Ziel sei die "Etablierung einer Plattform zur Herstellung von Zell- und Gentherapien."

Standort ist kein Zufall

Die Ansiedlung der neuen Produktionsstätte in Stein kommt nicht von ungefähr: Neben Novartis sind auch viele andere große Pharmakonzerne wie Roche oder Pfizer in dem Großraum ansässig. Das Novartis-Werk in Stein, rund 40 Kilometer entfernt von Basel gelegen, gehört zu den wichtigsten Produktonsstandorten des Unternehmens. Dort fertigt der Pharmakonzern einige seiner umsatzstärksten Medikamente, beispielsweise das Krebsmedikament Afinitor, das Arzneimittel Lucentis gegen Augenkrankheiten sowie Gilenya, ein Präparat für Patienten mit Multipler Sklerose. Rund 2000 Produktionsmitarbeiter aus über 50 Nationen sind dort derzeit beschäftigt, viele von ihnen kommen aus Deutschland und pendeln zum Arbeiten über die Grenze.

Therapien gegen Blutkrebs

Hintergrund der Expansionspläne in Stein ist eine Entscheidung der Europäischen Kommission in der vergangenen Woche, eine spezielle Art der Zelltherapie für die Behandlung von zwei bestimmten Krebsarten in der Europäischen Union zuzulassen. Bei dem Verfahren werden weiße Blutzellen von Patienten umprogrammiert, sodass diese in der Lage sind, Krebszellen im Körper zu bekämpfen. Behandelt werden können mit der Methode eine Form von Blutkrebs bei Kindern sowie eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems bei Erwachsenen. In seinem Werk in New Jersey produziert Novartis die Therapien bereits.

Produktionsstart in Stein 2020 geplant

In der Schweiz ist das Zulassungsverfahren für die neue Therapie noch nicht abgeschlossen. Novartis erwartet die Bewilligung des Antrags allerdings noch in diesem Jahr, wie Matthias Leuenberger, Länderpräsident von Novartis Schweiz, mitteilte. Ab 2020 sollen in Stein die ersten Therapien produziert werden.

Bedeutung traditioneller Produkte nimmt ab

Die Ansiedelung der Anlage in Stein sei ein Beispiel dafür, wie Novartis in der Schweiz in innovative Technologien investiere, kommentierte Matthias Leuenberger den Werksausbau. Es zeige jedoch auch, wie sich die Produktionslandschaft verändere. "Während wir in neue, hochentwickelte Technologien investieren, wird die Bedeutung einiger traditioneller Produkte abnehmen." Was das konkret bedeutet, ließ der Länderpräsident von Novartis Schweiz offen. Bereits im Frühjahr diesen Jahres verlagerte der Konzern die Fertigung rezeptfreier Medikamente, unter anderem der Schmerzsalbe Voltaren, vom deutschen Standort in Wehr am Hochrhein nach Großbritannien zum Industriepartner Glaxo Smith Kline. 160 Stellen werden deshalb bis 2022 wegfallen. Auch in Basel baut der Konzern seit vergangenem Jahr 500 Stellen ab.