Christine Lagarde ist voll des Lobes: „Für mich sind Sie, die Zentralbanker, die Helden der Krise.“ Gut vier Jahre nach diesen Worten hat sich die derzeitige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Rennen um die Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) durchgesetzt. Nach dem Willen der Staats- und Regierungschefs soll damit erstmals in der 20-jährigen Geschichte der EZB eine Frau und Nicht-Ökonomin an die Spitze der Notenbank rücken. Anders als die drei bisherigen EZB-Präsidenten war die Juristin und frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin auch nie Chefin einer nationalen Notenbank. „Ich habe genug gesunden Menschenverstand, ich habe ein bisschen Wirtschaft studiert, aber ich bin keine supertolle Ökonomin“, sagte Lagarde vor einigen Jahren dem „Guardian“.

Der Spielraum für die 63-Jährige an der Spitze der EZB wäre nach acht Jahren Anti-Krisen-Kurs ohnehin begrenzt. Europas Währungshüter haben die großen Linien längst festgezurrt – zumindest auf absehbare Zeit. Womöglich legt die Notenbank wegen der schwächelnden Konjunktur sogar noch einmal nach. „Wir sind weit entfernt von einer Normalisierung der Geldpolitik, weil die Welt weit entfernt von einer Normalisierung ist“, sagte Draghi Anfang Juni und wurde damit für einen Notenbanker ungewohnt deutlich. Internationale Handelskonflikte, Brexit, Italien – die Unsicherheiten sind groß.

Blick auf die Europäische Zentralbank in Frankfurt bei Nacht.
Blick auf die Europäische Zentralbank in Frankfurt bei Nacht. | Bild: Boris Roessler/dpa

Nicht einmal zwei Wochen nach seinen deutlichen Worten bewegte der Italiener mit der Aussicht auf mögliche „zusätzliche Stimuli“ wie erneute Anleihenkäufe die Märkte. Auch über eine Verschärfung des Strafzinses für Banken wird in Frankfurt nachgedacht. Ein enges Korsett also für die mögliche künftige EZB-Präsidentin, die im November ihr Amt antreten würde.

Christine Lagarde wird vermutlich den Kurs von Mario Draghi (rechts) fortsetzen.
Christine Lagarde wird vermutlich den Kurs von Mario Draghi (rechts) fortsetzen. | Bild: Julien Warnand/AFP

„Für welche Art der Geldpolitik Lagarde wirklich steht, kann derzeit niemand sagen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING. Maßstäbe hatte Draghi mit seinem Machtwort aus dem Sommer 2012 gesetzt: „Whatever it takes.“ Die EZB werde „alles tun, um den Euro zu retten“, versprach der Italiener, als die Eurozone am Abgrund stand. Während Politiker diskutierten, stabilisierte Draghi mit wenigen Worten den Währungsraum in der tiefsten Krise seiner jungen Geschichte.

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Selbst Kritiker zollen Draghi Respekt für sein entschlossenes Handeln – auch wenn bis heute gestritten wird, ob die nicht demokratisch gewählte EZB unter Draghis Führung nicht doch ihre Kompetenzen überschritten hat. So verhandelt das Bundesverfassungsgericht Ende Juli über das milliardenschweren Anleihenkaufprogramm der EZB – im Fachjargon „Quantitative Easing“ (QE) genannt. Die gewaltige Summe von 2,6 Billionen Euro steckte die Notenbank bis Ende 2018 in Wertpapiere von Eurostaaten und Unternehmen.

Einfaches Stimmrecht

Lagarde könnte als EZB-Präsidentin die geldpolitische Linie ohnehin nicht allein bestimmen. Die obersten Währungshüter haben im Entscheidungsgremium – dem EZB-Rat – ein einfaches Stimmrecht. Nur im Falle eines Patts gibt die Präsidenten-Stimme den Ausschlag. Seit März 2016 ist der Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent eingefroren – zum Leidwesen von Millionen Sparern.

Was der Wechsel für Sparer bedeutet

  1. Werden unter Christine Lagarde die Zinsen wieder steigen? Vorerst vermutlich nicht. Viele Beobachter glauben, die Französin werde den Kurs von Mario Draghi fortsetzen. Schließlich habe sie die EZB immer wieder zu einer großzügigen Geldpolitik aufgefordert. Jüngst hat sie das wegen der Abschwächung der Weltwirtschaft wiederholt. Lagarde weiß, dass die Normalisierung der Geldpolitik in Europa noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Eine Anhebung des Leitzinses ist vermutlich bis 2021 ausgeschlossen. Dies wäre unter einem EZB-Präsidenten Jens Weidmann nicht anders gewesen.
  2. Wird Lagarde eine Geldpolitik zu Gunsten von Frankreich und Südeuropa machen? Auch das ist nicht zu erwarten. Die EZB verantwortet eine gemeinsame Geldpolitik für alle Eurostaaten. Auch unter der künftigen Präsidentin wird sie für einige Länder zu straff, für andere zu locker sein. Dies zu ändern, liegt an den Regierungen der Eurostaaten: Durch eine solide Finanzpolitik. Wie Draghi wird auch Lagarde nicht müde werden, dies zu betonen. Das hat sie als IWF-Chefin auch immer getan.
Rolf Obertreis