Unter dem Eindruck der Klimadebatte bewegt sich die Welt zurück zur Kernkraft. Seit dem Fukushima-Schock in Jahr 2011 haben fünf Länder angekündigt, ihre Reaktoren abzuschalten, 30 weitere halten aber an den Meilern fest oder bauen sogar neue. 2018 hat die Europäische Kommission in einem Strategie-Papier den Bau von Hundert neuen Reaktoren bis 2050 ins Spiel gebracht, um den Klimaschutz voranzutreiben. Denn anders als Kohlestrom gilt Atomenergie als weitgehend CO2-neutral.

Kraftwerke fahren dicke Verluste ein

Die Macher einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen die sich andeutende Renaissance der Kernkraft kritisch. Insbesondere aus wirtschaftlichen, aber auch aus Umweltschutzgründen, sei sie keine Option. Die Ergebnisse zeigten deutlich, „dass es sich nie rentieren wird, in Atomenergie zu investieren – weder in neue AKWs noch in die Verlängerung der Laufzeiten bestehender“, sagt DIW-Studienautor Christian von Hirschhausen.

Strompreis von 67 Euro pro Kilowattstunde?

Seit längerem bestehe kein Zweifel daran, dass Atomenergie nie wettbewerbsfähig gewesen sei. Die Stromerzeugung sei immer nur ein „Nebenprodukt“, etwa für militärische Zwecke, gewesen. Die aktuelle Studie habe nun gezeigt, „dass es sich auch nie rentieren wird“.

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Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler alle 674 seit 1951 weltweit gebauten Kernmeiler und künftige Projekte unter die Lupe genommen. Der Befund: Rechnet man staatliche Subventionen und Investitionsanreize heraus, wird jeder Kernreaktor, der heute gebaut wird, am Ende seiner Laufzeit einen durchschnittlichen Verlust von 4,8 Milliarden Euro eingefahren haben. Selbst das rentabelste der untersuchten Projekte steht mit einem Minus von 1,5 Milliarden Euro immer noch dick in der Kreide. Auch unter sehr unwahrscheinlichen Annahmen – sehr hohe Strompreise, niedrige Kapitalkosten und geringer Investitionsbedarf – sei „Atomkraft in keinem Fall rentabel“, schreiben die Wissenschaftler um die Energieökonomin Claudia Kemfert.

Kernkraftwerk Olkiluoto in Finnland. Das vom franzöischen Atomkonzern Areva und Siemens gebaute Kraftwerk sollte ursprünglich im Jahr 2009 ans Netz gehen. Für die Inbetriebname wird nun mit dem Jahr 2019 gerechnet. Die Kosten sind völlig aus dem Ruder gelaufen.
Kernkraftwerk Olkiluoto in Finnland. Das vom franzöischen Atomkonzern Areva und Siemens gebaute Kraftwerk sollte ursprünglich im Jahr 2009 ans Netz gehen. Für die Inbetriebname wird nun mit dem Jahr 2019 gerechnet. Die Kosten sind völlig aus dem Ruder gelaufen. | Bild: dpa

Der Befund wiegt umso schwerer, als dass die Studie externe Kosten, also etwa für die Endlagerung, gar nicht einrechnet. Plastisch werden diese durch frühere Untersuchungen. Wenn Kernkraftwerksbetreiber ihre Anlagen gegen Störfälle versichern könnten – was alle Versicherer ablehnen – würden allein die Prämien den Betrieb komplett unwirtschaftlich werden lassen. Nach Daten des Versicherungsforums Leipzig würde der Endkundenpreis für Atomstrom auf zwischen „vier und 67 Euro je Kilowattstunde steigen“, wie die Autoren schreiben. Zum Vergleich: Aktuell kostet die Einheit Strom etwa 30 Cent je Kilowattstunde.

Umweltzerstörung durch Kernenergie

Auch das Umweltargument entzaubert das DIW. Der Uranerzabbau sei CO2-intensiv und mache ganze Landstriche unbewohnbar, die Zwischenlagerung von Brennstäben führe zu Umweltrisiken, ein Endlager sei weltweit nicht in Sicht. Kemfert sagt: „Die Idee, den Klimawandel mit Atomkraft zu bekämpfen, ist falsch und irreführend.“