Wenn ein Vorstandschef gehen muss, wird oft schmutzige Wäsche gewaschen. Zumal in der Automobilindustrie. Letztes Jahr bekriegten sich beim Zulieferer ZF wochenlang Aufsichtsräte und Vorstand. Und am Ende stand Firmen-Chef Stefan Sommer, der das Unternehmen durchaus verdienstvoll geführt hatte, demontiert und ohne Job da. Vergleichbare Scharmützel haben auch bei Volkswagen Tradition. An den Stühlen der Volkswagen-Chefs wird traditionell kräftig gesägt. Bernd Pischetsrieder musste nach wochenlangen Querelen Ende 2006 seinen Hut nehmen. Nachfolger Martin Winterkorn überstand eine vom damaligen VW-Aufsichtsratschef Ferdinend Piëch angezettelte Attacke nur äußerst knapp, nur um dann über den Abgasskandal zu stolpern.

Verglichen mit den Schlammschlachten der Vergangenheit läuft der Rückzug von Matthias Müller von der Volkswagen-Spitze relativ geräuschlos ab. Jedenfalls hat es Seltenheitswert, dass ein Vorstandschef bei VW grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, an Veränderungen mitzuarbeiten, die seinen Abgang betreffen.

Erklärbar ist dies durchaus. Müller ist 2015 mehr aus Pflichtgefühl als aus echtem Interesse von seinem Chef-Posten bei Porsche an die Spitze der Konzern-Mutter VW gewechselt. Außerdem hat er nie große Zweifel daran gelassen, dass er ein Mann des Übergangs ist. Eine zweite Amtszeit hat er früh ausgeschlossen. Der gebürtige Sachse war der Ausputzer, dem die undankbare Aufgabe zufiel, den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den sein Vorgänger Martin Winterkorn hinterlassen hatte: eine von Misstrauen geprägte Unternehmenskultur, die direkt in den Wolfsburger Abgasskandal mündete. Müller hat hier einiges bewegt. Statt der befürchteten 60 Milliarden Euro hat der Dieselskandal den Konzern bislang nur 25 Milliarden gekostet, die Gewinne sprudeln wieder, die Stimmung ist besser und nebenbei hat Volkswagen durch eine Modelloffensive bei E-Antrieben an Zukunftsfähigkeit gewonnen.

Dass er auch unglücklich agierte – etwa indem er in Zeiten des Dieselskandals sein Millionensalär vehement verteidigte –, schmälert seine Erfolge nicht grundsätzlich. Dass Müller angezählt war, wie manche jetzt behaupten, ist jedenfalls eine Mär.

Allerdings steht Volkswagen vor einer Zäsur, die neues Personal benötigt und für die der 64-Jährige einfach nicht mehr der richtige Mann ist. Ähnlich wie Daimler, Conti, RWE oder Eon gibt sich Volkswagen gerade eine neue Struktur. Der Autobauer ist zu unübersichtlich geworden. Die 12 Konzernmarken sollen daher in mehrere Bereiche, etwa für Volumenmodelle, Nobelkarrossen und Sportwagen aufgeteilt werden. Auch bei den Nutzfahrzeugen stehen strukturelle Veränderungen an. Und die Zuständigkeiten im Vorstand werden neu verteilt.

Um diesen Übergang zu gestalten, braucht es einen jüngeren und auch durchsetzungsstärkeren Manager als den zwischenzeitlich eher lustlos und mürrisch wirkenden Müller. Herbert Diess ist so einer. Aus Sicht der Kapitalseite im VW-Aufsichtsrat hat er sich für die Müller-Nachfolge qualifiziert, indem er VW auf Gewinn trimmte. Dabei boxte er die Streichung von 23 000 Stellen durch – gegen den Widerstand des mächtigen VW-Betriebsrats. Dass die Arbeitnehmer Diess als neuen Chef akzeptieren, verwundert nur auf den ersten Blick. Denn erstens hat sich das Verhältnis zwischen Diess und dem mächtigen Konzern-Betriebsratschef Bernd Osterloh gebessert. Zweitens hat sich Osterloh sein "Ja" zu Diess teuer bezahlen lassen. Als neuer Konzern-Personalvorstand wird ein enger Vertrauter von ihm gehandelt. Näher an der Macht war die Arbeitnehmerseite bei VW selten. Optimisten könnten das als Schulterschluss angesichts globaler Herausforderungen wie E-Mobilität und Digitalisierung deuten. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass durch die Konstellation neue Konflikte mit angelegt sind. Die allerdings kann sich der Konzern derzeit nicht mehr leisten.

walther.rosenberger@suedkurier.de

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