Es gibt einfachere Jobs in Europa. Wenn Christine Lagarde Anfang November ihr Büro in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt bezieht, wartet eine schwierige Aufgabe auf die 63-jährige Französin, die künftig an der Spitze der Notenbank stehen wird. Ihr Vorgänger Mario Draghi hinterlasse einen Scherbenhaufen, sagen manche. Im 25-köpfigen EZB-Rat ist die Geldpolitik so umstritten wie nie zuvor.

Hinterlässt ein umstrittenes Erbe: Mario Draghi.
Hinterlässt ein umstrittenes Erbe: Mario Draghi. | Bild: Boris Roessler, dpa

Von daher muss es der ersten Frau im Chefsessel der EZB zunächst darum gehen, die schlechte Stimmung im Rat zu überwinden, die Draghi durch sein mitunter selbstherrliches Auftreten hinterlassen hat. Dass sie dies schaffen kann, hat Lagarde in den vergangenen Jahren als Chefin des Internationalen Währungsfonds mit seinen 189 Mitgliedsländern gezeigt. Ihm hat sie neues Ansehen verschafft, nachdem ihn ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn durch persönliche Verfehlungen schwer in Misskredit gebracht hatte. Lagarde gilt als offen, verbindlich, vor allem auch als Teamspielerin.

Künftig mit einer Frau an der Spitze: die Europäische Zentralbank in Frankfurt.
Künftig mit einer Frau an der Spitze: die Europäische Zentralbank in Frankfurt. | Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Was den umstrittenen geldpolitischen Kurs betrifft, sind der neuen Präsidentin erst einmal die Hände gebunden. Dafür hat ihr Vorgänger mit den von ihm gegen erheblichen Widerstand durchgesetzten Beschlüssen im September gesorgt. Der Einlagezins, den Banken der EZB zahlen müssen, wurde von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent gedrückt, der Leitzins bleibt bei null. Zudem kauft die Notenbank ab November wieder Anleihen der Eurostaaten – für 20 Milliarden Euro im Monat. Erst Ende 2018 war dies eingestellt worden. Allerdings hat Lagarde schon mehrfach betont, dass sie eine großzügige Geldpolitik auch vor dem Hintergrund der abgeflauten Konjunktur für angemessen hält. Sie liegt damit auf der Linie Draghis.

Festhalten am Inflationsziel?

Umstritten ist auch, ob die EZB starr an ihrem Inflationsziel von knapp 2 Prozent festhalten soll oder nicht besser flexibler agiert. Dies wird sich Lagarde genauer anschauen müssen. Denn die Draghi-Jahre haben gezeigt, dass selbst mit einer extrem großzügigen Geldpolitik die Inflation nicht nach vorne gebracht werden kann. Im Schnitt lag sie bei 1,25 Prozent. Das hat auch damit zu tun, dass die Zinsen aufgrund der Globalisierung und der weltweit hohen Liquidität unabhängig von Notenbanken nach unten zeigen.

Angekratztes Vertrauen

Alles in allem ist der Ruf der EZB nicht der beste. Das weiß Lagarde, deshalb wird sie sich vor allem auch um das Ansehen der Notenbank kümmern. Besonders in Deutschland ist in das Verständnis für die EZB begrenzt, die Niedrigzinspolitik hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch wenn Lagarde alle 19 Euro-Staaten im Auge haben muss, wird sie sich bemühen, das angekratzte Vertrauen der Bundesbürger in die Notenbank wieder aufzufrischen und die Verärgerung deutscher Sparer und Banker abzubauen. Sie wolle die Kommunikation der EZB verbessern, betont sie: „Mario Draghi hatte seinen eigenen Stil, ich werde meinen Stil haben.“ In den Euro-Doppeltürmen im Osten Frankfurts deutet sich ein Wandel an.