Der Nahrungsmittelhersteller Nestlé setzt den Rotstift an: Die Caro-Kaffee-Produktion in Ludwigsburg und das Forschungslabor im bayrischen Weiding sollen zum Jahresende geschlossen werden, in Lüdinghausen und Biessenhofen werden zahlreiche Stellen gekürzt und das Nestlé-Werk in Mainz mit 370 Mitarbeitern ist bereits im letzten Jahr geschlossen worden. Dagegen sind die Beschäftigten der Nestlé-Tochter Maggi in Singen mit einem blauen Auge davongekommen. Statt eingefrorenen Löhnen, Mehrarbeit und Kürzungen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld, wie zunächst von den Arbeitgebern gefordert, bekommen die knapp 800 Beschäftigten fast sechs Prozent mehr Geld.

Doch auch am Hohentwiel sollen Millionen von Euro beim Personal, in der Verwaltung und der Produktion eingespart werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar vorerst ausgeschlossen, doch mit Freiwilligenprogrammen will der Konzern seine Belegschaft weiter verkleinern.

Für den Kostendruck auf den größten Nahrungsmittelhersteller der Welt – der nach wie vor steigende Umsätze und hohe Gewinne vorweisen kann – sind in erster Linie die Finanzmärkte verantwortlich. Vor allem der Großinvestor Daniel Loeb vom amerikanischen Hedgefonds Third Point macht seit seinem Einstieg im vergangenen Jahr mächtig Druck auf den Konzern vom Genfer See. Er fordert das Management auf, sich auf das margenstarke Geschäft mit Kaffee, Wasser und Tiernahrung zu konzentrieren und weniger zukunftsträchtige Felder wie Süßigkeiten oder Tiefkühlkost zu verkaufen. Nestlé müsse „kühner“ und „schneller“ werden, so Loeb. Wie viel Macht Investoren wie Loeb haben, ließ sich kürzlich auch bei ThyssenKrupp beobachten, wo der Hedgefonds Elliott eine Ablösung des Managements und eine Aufspaltung des Konzerns erzwungen hat. Auch Nestlé lässt sich derzeit am Nasenring durch die Manege führen. Zwar geht vieles von dem, was Loeb fordert, in die richtige Richtung. Doch ein über 150 Jahre alter Tanker wie Nestlé lässt sich nicht von heute auf morgen drehen. Nestlé ist eben nicht ein Schnellboot wie der Streamingdienst Netflix oder die Kommunikationsapp Snapchat. Der Schweizer Konzern muss aufpassen, dass er bei all der Finanzmarkt-
orientierung seine weltweit 330 000 Mitarbeiter mitnimmt.

Andererseits darf Nestlé auch nicht den Fehler machen, sich auf seinen Erfolgen auszuruhen. Die Essgewohnheiten in Westeuropa und den USA sind mitten im Wandel. Fettige und zuckerhaltige Dickmacher sind aus der Mode gekommen. Vegetarische, vegane und gesunde Lebensmittel stehen vor allem bei jungen Leuten hoch im Kurs. Und von Letzteren hat Nestlé immer noch zu wenig im Portfolio. Nach wie vor dominieren Fertignahrung, Eis und Süßigkeiten wie Kitkat oder Lion. Zudem hat Nestlé – vorsichtig formuliert – nicht gerade das Image einer Bio-Marke.

Haben Investoren zu viel Macht?

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Politik den Einfluss von aktionistischen Investoren wie Third Point oder Elliott nicht begrenzen sollte. Zwar können Impulse von außen einem verschlafenen Unternehmen wieder neue Dynamik verleihen. Doch wenn ein Hedgefonds wie im Fall von Nestlé gerade einmal 1,3 Prozent der Aktien besitzt und die Unternehmenspolitik wesentlich mitbestimmt, scheint die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt. Schließlich ist das Management nicht nur seinen Aktionären, sondern auch seinen Kunden, seinen Lieferanten und Mitarbeitern verpflichtet. Während es in der Belegschaft von Nestlé weiter rumort (zuletzt gab es Demonstrationen vor der Konzernzentrale), haben die Aktionäre derzeit wenig Grund zu Klagen: Mit um die 74 Euro ist das Papier nicht mehr weit von seinem Allzeithoch entfernt.