Recep Tayyip Erdogan gibt sich optimistisch. Das künftige Wachstum der türkischen Wirtschaft werde die Erwartungen übertreffen, versprach der Staatspräsident vor einigen Tagen in Istanbul. Erdogan macht derzeit Wahlkampf für seine Partei AKP vor den Kommunalwahlen in gut zwei Wochen, und da gilt es, den Wählern trotz steigender Preise neuen Mut zu machen. Doch der neue Streit mit Deutschland trifft auch die türkische Wirtschaft.

Sorge in der Tourismusindustrie

Die für politische Krisen besonders anfällige türkische Fremdenverkehrsindustrie bekommt die Folgen der jüngsten Spannungen bereits zu spüren. Nach dem Rauswurf deutscher Journalisten und den verschärften Reisehinweisen aus Berlin als Folge der Festnahmedrohung von Innenminister Süleyman Soylu gegen Besucher aus Deutschland sind die Buchungszahlen zurückgegangen. Der Vorsitzende des türkischen Hotelierverbandes, Timur Bayindir, berichtete, dass die Zahl der täglich gebuchten Pauschalreisen in die Türkei bereits von etwa 1000 auf 300 bis 500 gefallen ist.

Ernüchternde Bilanz

Mit Sorge sieht Bayindir, dass die Image-Werbung seines Landes einen schweren Rückschlag erlitten hat, und zwar gerade in einer Zeit, in der viele Deutsche über das Ziel für ihren Sommerurlaub nachdenken: „Da ist der Eindruck entstanden: ‚Bei Reisen in die Türkei droht die Festnahme.‘“ Auch der Journalist Yildiray Ogur zieht eine für die Türkei ernüchternde Bilanz der vergangenen Tage. Der Versuch, mit dem Knüppel gegen ausländische Medien vorzugehen, habe der Wirtschaft, dem Tourismus und dem Image des Landes geschadet, schrieb Ogur in der Zeitung „Karar”.

Verspricht unverdrossen weiteres Wachstum: Präsident Tayyip Erdogan.
Verspricht unverdrossen weiteres Wachstum: Präsident Tayyip Erdogan. | Bild: ADEM ALTAN/AFP

Dieser Schaden kommt zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: Die Türkei steckt nach neuen Zahlen des Statistikamtes in Ankara in einer Rezession. Nach einem Rückgang der wirtschaftlichen Leistung um 1,6 Prozent im dritten Quartal des vergangenen Jahres, schrumpfte die Wirtschaft im vierten Quartal um 2,4 Prozent. Das sind die schlechtesten Zahlen seit vielen Jahren. Die Inlandsnachfrage ist eingebrochen, die Türkische Lira hat stark an Wert verloren, die Inflation bleibt mit knapp 20 Prozent hoch und auch die Arbeitslosigkeit in Höhe von inzwischen 12,3 Prozent bereitet zunehmend Sorge.

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Viele Experten und potenzielle Investoren rechnen damit, dass die Wirtschaftsleistung auch im laufenden Jahr deutlich zurückgehen wird. Im vergangenen Herbst hatte die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch prophezeit, die türkische Wirtschaft werde im Jahr 2019 um 0,4 Prozent schrumpfen – mittlerweise geht sie von einem Minus von 1,8 Prozent aus. Im kommenden Jahr wird die türkische Wirtschaft laut der neuen Prognose zwar wieder um mehr als 3 Prozent wachsen, doch für ein Land mit einer so jungen Bevölkerung wie die Türkei ist ein kräftigeres Wachstum nötig, um die Arbeitslosigkeit im Griff zu halten. Auch die hohe Verschuldung der Unternehmen ist ein Problem.

Neue Turbulenzen drohen

In dieser Lage braucht das Land vor allem Verlässlichkeit, sagt ein europäischer Wirtschaftsvertreter: Jede Fabrik, die nicht schließe, sei für die Türkei jetzt wichtig. Doch die Drohung von Festnahmen und der Rauswurf der deutschen Journalisten vermitteln das Bild eines Landes mit unberechenbaren Zuständen.

Die anstehenden Kommunalwahlen am 31. März könnten für neue Turbulenzen sorgen. Laut Umfragen könnte Erdogans Regierungspartei AKP das Bürgermeisteramt in der Hauptstadt Ankara an die Opposition verlieren. Auch in Istanbul, der mit 15 Millionen Menschen größten Stadt des Landes, hat die AKP große Probleme. Versuche der Erdogan-Partei, die Folgen der Wirtschaftskrise für die Verbraucher unter anderem mit subventionierten Lebensmitteln zu lindern, werden den Wahltag möglicherweise nicht lange überdauern. Einige Fachleute erwarten, dass die Türkei sich nach dem 31. März an den Internationalen Währungsfonds (IWF) wenden wird, um ein Hilfspaket zu vereinbaren.

Offiziell wird das zurückgewiesen. Das Kapitel IWF sei für die Türkei ein für alle Mal abgeschlossen, betont Erdogan immer wieder. Nach dem Wahltag wird sich zeigen, ob es bei dem Dementi bleibt.