Stefan Sommer geht, Konstantin Sauer kommt: So viel steht beim Friedrichshafener Autozulieferer ZF seit Donnerstagabend fest. Doch da Finanzchef Sauer als Vorstandsvorsitzender nur eine Übergangslösung ist, muss ZF möglichst bald einen neuen Unternehmenslenker finden. Zudem gerät das ZF-Stiftungsmodell immer mehr unter Beschuss. Wir bringen Sie auf den aktuellen Stand der Debatte:

Wer wird Nachfolger von Stefan Sommer?

Wenn ein Unternehmenschef abdankt, ist es ein bisschen wie bei einem Trainerwechsel im Fußball. Man schaut zuerst, wer am Markt verfügbar ist und dann, ob er passen könnte. Im Fall der ZF wird die Sache nicht einfach. Dass Konstantin Sauer, der aktuelle Nachfolger von Stefan Sommer, nur eine Interimslösung darstellt, hat das Unternehmen selbst angedeutet. Aber wer folgt dann? Immer wieder fällt der Name Karl-Thomas Neumann. Durch seine frühere Beschäftigung beim Zulieferer Conti kennt der Ex-Opel-Chef das Metier und hat durch seine Tätigkeit bei VW und Opel zudem Erfahrung bei wichtigen Kunden. An den Qualitäten von Neumann scheiden sich allerdings die Geister. Fachleute sehen seine Bilanz als gemischt an. Neumann sei zwar ein „exzellenter Kommunikator“, fachlich aber angreifbar. Wahrscheinlicher scheint es manchem daher, dass ZF sich bei seiner Suche auf aufstrebende Jungmanager von nicht-börsennotierten Konzernen wie Bosch konzentriert.

Als Blaupause könnte der Wechsel von Wolf-Henning Scheider, dem ehemaligen Chef der Bosch-Sparte Kraftfahrzeugtechnik an die Spitze des Mahle-Konzerns im Jahr 2014 dienen – ein klassischer Fall eines Top-Managers im zweiten Glied, der in einem kleineren Konzern ganz an die Spitze rückt. Laut Unternehmenskreisen soll der Sommer-Nachfolger im Januar bekannt gegeben werden.

Wer ist Konstantin Sauer?

Konstantin Sauer ist bei ZF kein unbeschriebenes Blatt. Der 58-Jährige ist bereits seit 1990 im Unternehmen. Der promovierte Betriebswirt war unter anderem in der Logistik und im Controlling tätig. Außerdem war er vier Jahre lang Präsident des ZF-Regionalbereichs Südamerika. Seit 2010 sitzt der gebürtige Heilbronner im Vorstand des Unternehmens.

Wie hoch ist die Abfindung für Stefan Sommer?

Sommers Vertrag wäre noch bis 2022 gelaufen. Der Finanzexperte Zacharias Sautner von der Frankfurt School of Finance & Management hält in so einem Fall eine Abfindung von zwei bis drei Jahresgehältern für realistisch. Sommers Gehalt ist öffentlich nicht bekannt. Allerdings weist der aktuelle Geschäftsbericht des Unternehmens die Vergütung für seinen siebenköpfigen Vorstand mit 28,4 Millionen Euro aus. Demnach könnte rein rechnerisch jeder ZF-Vorstand im Durchschnitt mit einer Jahresvergütung inklusive Pensionsansprüche von gut 4 Millionen Euro rechnen. Sommers Gehalt als Vorstandsvorsitzender dürfe deutlich über diesem Durchschnittswert liegen.

Insofern dürfte ZF ihm den Abschied mit einem zweistelligen Millionenbetrag versüßen.

Wie ist die Stimmungslage in Friedrichshafen?

Bei den ZF-Mitarbeitern sind die Reaktionen auf den Sommer-Rücktritt gemischt. „Ich arbeite seit über 20 Jahren hier und ich sehe, wie gut es unserer Firma geht. Sommer scheint also nicht alles falsch gemacht zu haben. Er hat verstanden, dass wir uns dringend weiterentwickeln müssen“, sagt ein Mitarbeiter. Ein Zerspanungsmechaniker bemängelt, dass Sommer die Wurzeln der Firma vernachlässigt habe. „Bei uns gibt es ja eine besondere Kultur“, sagt er.

Was sagen Branchenexperten?

Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sieht den Abgang von Stefan Sommer kritisch. Sein Rücktritt und der vorzeitige Rückzug des Aufsichtsratsvorsitzenden Giorgio Behr seien tiefgreifende negative Einschnitte in das Unternehmen. „Die große Geschichte von ZF ist in den letzten fünf Jahren von Sommer und Behr geschrieben worden. Jetzt besteht das große Risiko, in die Provinzialität zurückzufallen und im Weltautogeschäft Mittelmaß zu werden“, sagt Dudenhöffer. Vor allem die derzeitige Stiftungsstruktur passe nicht zu einem globalen Konzern wie ZF.

Was sagt die Politik?

Normalerweise hält sich die Politik zurück, wenn es um die Kommentierung privatwirtschaftlicher Vorgänge geht. Nicht so im Fall ZF.

„Den vorzeitigen Rücktritt von CEO Sommer, der für ZF erfolgreich agiert hat, bedauere ich“, sagt die Südwest-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

Wie beurteilen Kapitalmarktexperten die Situation?

„Wenn ZF Aktien notiert hätte, wäre die Performance der letzten Wochen mutmaßlich schwach ausgefallen“, schreibt die Landesbank Baden-Württemberg in einem aktuellen Forschungsbericht. Grundsätzlich sieht die Bank ZF aber auf einem guten Weg. „ZF ist so groß und hat eine breit aufgestellte Führungsmannschaft, sodass das operative Geschäft gut weiterlaufen wird“, heißt es weiter.

 

Der Automobilzulieferer ZF

  • Die Geschäftszahlen: ZF erwirtschaftete 2016 einen Umsatz von über 35 Milliarden Euro. Damit gehört das Stiftungsunternehmen zu den fünf größten Automobilzulieferern weltweit. Der Gewinn betrug 2016 fast 860 Millionen Euro.
  • Mitarbeiter: ZF beschäftigt in allen Erdteilen Mitarbeiter. Schwerpunkt des Unternehmens ist Europa, doch nach der TRW-Übernahme hat ZF auch eine starke Präsenz in den USA und in Mexiko. Zudem wird Asien als Produktions- und Forschungsstandort immer wichtiger. So eröffnete ZF erst im März ein Technologiezentrum in Hyderabad (Indien).
  • Produkte: ZF stellt Getriebe, Lenkungen, Achsen, Kupplungen und Stoßdämpfer her. Auch Sicherheitsgurte, Airbags und Fahrerassistenzsysteme gehören zum Produktportfolio.

 

"Der Abgang von Stefan Sommer hinterlässt eine große Lücke"

Der Autoexperte Willi Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen beurteilt den Chefwechsel bei ZF kritisch und fordert eine Reform der Stiftungsstruktur.

Herr Diez, kann ZF den Abgang von einem so erfolgreichen Manager wie Stefan Sommer verkraften?

Der Abgang kommt zu einem ganz ungünstigen Zeitpunkt. Wenn der Chef abtritt, ist das Unternehmen gelähmt. Und gerade in einem so dynamischen Branchenumfeld mit Zukunftsherausforderungen wie der Digitalisierung, der Elektrifizierung und dem autonomen Fahren bräuchte das Unternehmen eigentlich Bewegung. Die aktuelle Strategie ist eng mit der Person von Stefan Sommer verknüpft. Sein Abgang hinterlässt eine große Lücke.

Was für ein Profil sollte der neue Chef mitbringen? Würde ZF eher ein junger dynamischer Typ oder ein alter Hase gut zu Gesicht stehen?

Die Rolle des alten Hasen übernimmt ja eher der neue Aufsichtsratschef Franz-Josef Paefgen, der viel Branchenerfahrung mitbringt. Der neue Chef muss neben einer hohen Automobil-Expertise und einer strategischen Zukunftsvision vor allem ein hohes kommunikatives Geschick in Richtung der Zeppelin-Stiftung mitbringen. Denn daran ist ja Stefan Sommer letztendlich gescheitert. Am ehesten könnte ich mir vorstellen, dass ein Manager aus der zweiten Reihe von einem ZF-Konkurrenten wie Bosch, Continental oder Mahle kommt.

Auch ein Manager von einem Autohersteller wie Daimler, Volkswagen oder BMW wäre denkbar.

Könnte es sein, dass ein potenzieller Kandidat von dem Zwist mit der Zeppelin-Stiftung abgeschreckt wird?

Das glaube ich nicht. Wenn man bei einem großen Unternehmen an der Front steht, muss man immer mit Gegenwind rechnen, egal aus welcher Richtung er kommt. ZF bleibt eine Perle der deutschen Autoindustrie und kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Für einen Manager ist ZF eine interessante Aufgabe, auch wenn das Umfeld in Friedrichshafen derzeit aufgewühlt ist.

Ist die Stiftungsstruktur überhaupt noch zukunftsfähig?

Nein, der politische Einfluss auf ZF muss reduziert werden. Man muss das Modell nicht völlig auf den Kopf stellen. Aber eine Struktur wie sie Volkswagen hat, wo das Land Niedersachsen zwar noch einen Einfluss hat, aber das Unternehmen nicht dominiert, könnte als Vorbild für eine Neukonstruktion des Stiftungsmodells dienen.

Was halten Sie von der Idee eines Börsengangs?

Das ist sicherlich eine Option für ZF. In der Branche braucht man heutzutage viel Kapital, um Übernahmen sowie Forschung und Entwicklung finanzieren zu können. Und dieses Kapital kann allein aus der Stiftung heraus nicht geschaffen werden. ZF muss sich für neue Eigentümer öffnen, um einen besseren Zugang zum Kapitalmarkt zu haben.

Fragen: Thomas Domjahn

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