Herr Kunkel, die Kurse an den Aktienmärkten sind in den letzten Wochen aufgrund der Corona-Krise massiv eingebrochen. Ist jetzt eine Erholung in Sicht?

Das Ende des Abwärtstrends ist möglicherweise noch nicht erreicht. Was wir brauchen, damit sich der Markttrend nachhaltig dreht, sind zwei Dinge: Zum einen Rückgang bei der Zahl der täglichen Neuinfektionen und zum anderen zielgerichtete wirtschafts- und geldpolitischen Schritte die die längerfristigen Folgen der Corona-Eindämmungsmaßnahmen mildern. Den Höhepunkt der Neuinfektionen erwarten wir in Europa – basierend auf den Erfahrungen aus Asien – für Mitte bis Ende April. Auf eine Frist von sechs bis zwölf Monaten sind die Chancen auf dem Aktienmarkt im Vergleich zum Risiko allerdings schon jetzt relativ gut. Von daher könnte sich ein Einstieg für langfristig orientierte Anleger mittlerweile lohnen.

Warum sind die Kurse so stark eingebrochen?

Wir haben zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte eine Situation, in der Regierungen aus gesundheitspolitischen Gründen versuchen, wirtschaftliche Aktivität einzudämmen – und das auf eine nicht klar bestimmte Zeit. In dieser unsicheren Situation wollten sich Unternehmen, Insititutionelle- und Privatanleger ein möglichst großes Cash-Polster aufbauen und haben hierfür Aktien und auch Anleihen verkauft. Außerdem kam neben der Corona-Krise mit dem Ölpreis-Einbruch aufgrund des Streits zwischen Russland und den Opec-Staaten über die Fördermenge ein weiterer destabilisierender Faktor hinzu.

Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für Deutschland bei der Schweizer Großbank UBS.
Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für Deutschland bei der Schweizer Großbank UBS. | Bild: td

Welche Branchen haben besonders gelitten und gibt es auch Krisengewinner?

Der breite Markt hat gelitten. Die Bereiche Energie, Tourismus und Luftfahrt haben besonders Federn gelassen. Dieser Sog hat auch Unternehmen mitgezogen, die eigentlich nicht so stark von der Corona-Krise betroffen sind. Unternehmen aus den Bereichen E-Commerce, E-Entertainment oder digitale Kommunikation könnten sogar von der Corona-Krise profitieren, weil die Menschen mehr Zeit in ihren eigenen vier Wänden verbringen.

Die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen treffen vor allem Hotels, Restaurants und den Einzelhandel. Belastet die Krise große börsennotierte Konzerne wie Apple, Microsoft oder Siemens weniger, weil sie über große Cash-Reserven verfügen und breiter aufgestellt sind?

Das ist prinzipiell richtig. Allerdings sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen sowohl in Deutschland als auch in den USA das Rückgrat der Wirtschaft. Wenn sie Insolvenz anmelden müssen, leiden darunter indirekt auch große Unternehmen, weil sie weniger Aufträge erhalten.

Ist die Corona-Krise mit der Finanzkrise vergleichbar?

In beiden Krisen hat sich die wirtschaftliche Aktivität massiv reduziert. Die Ursachen der beiden Krisen sind jedoch unterschiedlich. Die Finanzkrise wurde durch eine Kreditklemme hervorgerufen, hatte also genuin eine wirtschaftliche Ursache. Die Corona-Krise hat nichts mit einer Schwäche des Finanzsystems zu tun. Vor der Finanzkrise haben wir massive Exzesse bei der Verschuldung privater Haushalte gesehen. Aus diesem Exzess durch Entschuldung wieder herauszukommen, hat Monate und Jahre gedauert. In die jetzige Krise ist man mit relativ wenigen wirtschaftlichen Imbalancen gegangen. Von daher sind die Chancen auf eine schnelle Erholung heute größer als damals.

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Haben die Politiker und Zentralbanker beim Krisenmanagement aus der Finanzkrise gelernt?

Ja, das muss man sagen. Politiker und Zentralbanker haben deutlich schneller reagiert als damals. Die amerikanische Notenbank hat beispielsweise innerhalb von drei Tagen ihr ganzes Handbuch aus der Finanzkrise hervor gezogen und angewendet, um die Märkte zu beruhigen.

Viele Anleger haben in der Vergangenheit gezielt auf Dividendenaktien gesetzt, um kontinuierliche Geldflüsse zu erhalten. Sind die Dividenden in diesem Krisenjahr überhaupt noch sicher?

Wir werden bei den Dividenden Kürzungen sehen. Gerade Unternehmen aus Krisensektoren wie Luftfahrt oder Tourismus werden Dividenden kürzen oder streichen. Trotzdem ist es nach wie vor eine sinnvolle und vielversprechende Strategie, auf Unternehmen zu setzen, die langfristig eine nachhaltige Dividendenausschüttung versprechen. Denn der niedrige oder sogar negative Zins wird sich durch die Corona-Krise zementieren. Das heißt, nur über produktive reale Vermögenswerte wie Aktien lässt sich verhindern, dass das Geldvermögen aufgrund der Inflation real entwertet wird.

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Was sollen Anleger jetzt tun: kaufen, halten oder verkaufen?

Einen Teil seines Vermögens muss man immer als Cash-Reserve halten, um seinen Lebensstandard zu sichern. Egal wie günstig Aktienbewertungen erscheinen, sollte man diesen Teil nicht anrühren. Einen zweiten Teil sollte man nutzen, um den Lebensstandard zu verbessern. In diesem Teil kann eine höhere Aktienquote Sinn machen. Jetzt kann man als langfristig orientierter Anleger den Ausverkauf an der Börse nutzen, um nach und nach günstig Qualitätsaktien nachzukaufen.

Wann werden Dax und Dow Jones wieder den Stand erreichen, den sie vor der Krise hatten?

Das kommt sehr stark auf den Erfolg der Corona-Eindämmungsmaßnahmen und die wirtschaftspolitische Abfederung der Krise an. Wir glauben nicht, dass Dax und Dow Jones bis Jahresende ihr Vorkrisenniveau erreichen werden. Die Erholung wird sich vermutlich bis ins Jahr 2021 ziehen.

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Die asiatischen Länder wie China, Südkorea oder Taiwan haben die Corona-Krise relativ gut überstanden. Wird Asien jetzt zum Motor der Weltwirtschaft?

Asien hat viel wirtschaftliches Potenzial. Schon vor der Corona-Krise haben wir Anlegern empfohlen, in dieser Region zu investieren. Das relativ erfolgreiche Krisenmanagement der Corona-Epidemie hat einmal mehr gezeigt, wie effizient asiatische Staaten mit solchen Situationen umgehen können.

Welchen psychologischen Tipp können Sie Privatanlegern geben, die jetzt wegen fallender Kurse nervös werden?

Wenn man grundsätzlich vom Geschäftsmodell der Unternehmen in seinem Depot überzeugt ist, sollte man ihnen auch in Krisenzeiten treu bleiben. Ich rate Privatanlegern davon ab, jeden Tag in ihr Depot zu schauen, sondern eher eine langfristige Perspektive einzunehmen.