Herr Welcker, die Maschinenbauer gelten als industrielle Taktgeber der Republik. Wie geht es den Unternehmen?

Der deutsche Maschinenbau brilliert in sehr vielen Nischen. Das ist traditionell die Stärke unserer Industrie, und das funktioniert bis heute. Gerade bei Werkzeugmaschinen, die für jede Industrieproduktion unverzichtbar sind, haben sich die deutschen Firmen eine extrem starke Position auf dem Weltmarkt erarbeitet. Baden-Württemberg mit seiner hohen Dichte an Weltmarktführern aus dem Maschinenbau ist hierfür ein gutes Beispiel.

Langfristig betrachtet sinkt die Bedeutung deutscher Firmen aber, insbesondere weil neue Konkurrenten wie etwa China immer besser werden. Wie gefährlich sind die neuen Angreifer?

Im Segment der Werkzeugmaschinen sind wir neben japanischen Herstellern ganz vorne. In anderen Maschinenbaufeldern ist die Stellung Deutschlands noch stärker – beispielsweise in der Druckindustrie. Diese Position sehe ich momentan auch nicht gefährdet, wenngleich klar ist, dass andere Nationen Marktanteile gewinnen. Wenn es um Standardmaschinen geht, muss hierzu Korea genannt werden. Aber auch China ist bei allem, was nicht High-Tech ist, sehr gut im Rennen. Oft verkaufen diese Nationen ihre Maschinen in aufstrebende Schwellenländer, etwa nach Indien, Osteuropa oder Südamerika. Da dürfen wir nicht abgehängt werden.

Ist es nicht eine Gefahr, dass sich Deutschland so stark auf High-Tech konzentriert und das Massengeschäft vernachlässigt?

Es hat sich immer wieder herausgestellt, dass unsere Firmen viel breiter und technologisch flexibler aufgestellt sind, als oft angenommen. Es ist einfach so, dass sehr viel Innovation aus Deutschland kommt. Grundsätzlich können wir beides: High-Tech und Masse.

Die USA sind neben China der wichtigste Einzelmarkt der Branche. Spüren Sie das Trump’sche Störfeuer?

Die USA erleben derzeit einen sehr starken wirtschaftlichen Aufschwung. Dort herrscht gerade eine tiefe Zuversicht, dass sich Trumps Politik der Deregulierung positiv auswirkt. Man merkt das an Investitionen, die dort wieder vermehrt getätigt werden. Davon profitieren auch wir.

Ist Trump also gar nicht so schlecht?

Man muss ihm zu Gute halten, dass nicht alles, was er anprangert, aus der Luft gegriffen ist. Natürlich sind wir gegen einen Zollkrieg, auf den die Entwicklung gerade leider zusteuert. Aber wenn Trump zu wenig Marktwirtschaft in der Welt anprangert, kann man das durchaus unterschreiben. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, alle Zölle auf Maschinen abzuschaffen. Davor wäre mir nicht bang.

Im Moment läuft es aber auf das Gegenteil hinaus – eine Zollspirale nach oben…

Ich bin mir sicher, dass auch Donald Trump keinen Handelskrieg will. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Europäer mit den Amerikanern vernünftige Handelsregeln finden werden. Diese werden besser sein, als das, was wir heute haben. Auch wenn es zwischendurch jetzt mal rumpelt.

Wie sehen die langfristigen Perspektiven für die deutsche Industrie aus?

Generell wächst die Weltbevölkerung und mit ihr auch der Wohlstand. Die Welt braucht mehr Flugzeuge, Kühlschränke, Teppiche und Kommoden. Das bedeutet ganz automatisch, dass auch die Nachfrage nach Produktionsmitteln steigen wird. Das spielt Deutschland mit seiner starken Industrie in die Karten. Insbesondere der global stark vernetzte Maschinenbau wird profitieren.

Die Konjunktur beginnt sich aktuell aber einzutrüben. Wie sicher ist die Lage?

Die weltpolitischen Krisen schlagen sich noch nicht in unseren Zahlen nieder. Klar ist aber, dass in Deutschland viel zu wenig investiert wird. Das Land vernachlässigt chronisch seinen Kapitalstock. Das hat zur Folge, dass die Infrastruktur zusehends verfällt. Das betrifft öffentliche, aber auch private Investitionen.

Warum wird denn nicht investiert? Immerhin brummt die Wirtschaft seit fast zehn Jahren…

Die Rahmenbedingungen werden schlechter. Deutschland ist wettbewerbstechnisch, ordnungspolitisch und von den Gesetzen her nicht mehr gut aufgestellt. Die Steuerlast steigt, bürokratische Regelungen nehmen ein Übermaß an, der Zustand der Verkehrs- und Datennetze ist beklagenswert, und es wird immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. Alles zusammen ist es nicht verwunderlich, wenn die Firmen die Fühler etwa ins Baltikum ausstrecken, wo die Straßen und Breitbandnetze ausgebaut sind und der Staat den Firmen obendrein noch über viele Jahre die Steuern erlässt oder ermäßigt. Generell haben wir aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa Probleme.

Wie meinen Sie das?

Der Binnenmarkt, der eigentlich den freien Austausch von Waren und Personen gewährleisten sollte, ist unter Beschuss. Um Servicemitarbeiter nach Italien zu schicken, muss man mittlerweile jeden einzelnen Monteur beim Zoll anmelden und dort detaillierte Angaben zur Person, Anstellung, Lohnhöhe und Verwendung machen. Wenn allein die Formalitäten am Zoll 48 Stunden dauern, die Maschine aber innerhalb von 24 Stunden repariert werden muss, haben Sie als Lieferant ein echtes Problem. In ihrer Not akzeptieren die Unternehmen mittlerweile hohe Strafen, nur um die Kunden fristgerecht zu bedienen. Da werden oft tausende Euro im Monat an Strafen fällig. In noch strikterer Weise schottet auch Frankreich seinen Arbeitsmarkt ab.

So etwas ist eigentlich nur aus dem Nicht-EU-Raum, also etwa der Schweiz, bekannt…

Auch in der EU ist Abschottung gang und gäbe. Das geht so weit, dass Firmenchefs, wenn Sie zu Sitzungen ihrer Tochterfirmen ins Ausland reisen, einen Entsendeantrag für sich selbst ausfüllen müssen, um sicherzustellen, dass sie die örtlichen Lohngesetze nicht unterlaufen. Das ist völlig absurd. Und es ist gefährlich, denn wenn sich Europa auseinander dividiert, können wir den USA oder China nichts mehr entgegenhalten.

Scheint, als ob Sie recht frustriert über die derzeitige Politik sind…

Mit der Nähe zu Berlin und Brüssel steigt auch mein Frustrationslevel. Es gibt einfach im Moment zu viele Felder, auf denen der Politik der richtige Kompass abhandengekommen ist. Wo ist denn der rote Faden in der Chinapolitik, unserem Zukunftsmarkt schlechthin? Ich glaube, Deutschland und die EU haben keinen. Die Chinesen wissen dagegen sehr genau, wo sie hinwollen.

Um den Ausverkauf deutscher Technologie an China zu verhindern, verschärft die Bundesregierung gerade das Außenwirtschaftsgesetz. Was halten Sie davon?

Das ist der falsche Weg. Wir können nicht auf der einen Seite gegen Präsident Trump wettern und für Handels- und Investitionsfreiheit trommeln und auf der anderen Seite selbst Investitionen aus dem Ausland erschweren.

Aber das Problem ist doch, dass China Investitionen deutscher Firmen in seinem Heimatmarkt seit Jahren ebenfalls gezielt erschwert. Was Deutschland tut, ist also eine Art Notwehr. Oder?

Wir sollten unsere guten marktwirtschaftlichen Prinzipien aber nicht verraten, nur weil die anderen nach schlechten und falschen Prinzipien vorgehen. Klar ist, dass hinter vielen chinesischen Firmenkäufern hierzulande oft der chinesische Staat steckt. Das ist tatsächlich ein Problem, denn es verändert das Kräftegleichgewicht. Ein deutscher Mittelständler kann es nun mal nicht mit staatlich subventionierten chinesischen Konzernen aufnehmen. In so einem Fall sollte man schlicht die Karte des Wettbewerbsrechts ziehen und die Beteiligung kartellrechtlich unterbinden. Das wäre der sauberere Weg. Im Moment erfinden wir aber über die Krücke des Außenwirtschaftsgesetzes fadenscheinige Gründe, warum sich ein ausländisches Unternehmen nicht an einer hiesigen Firma beteiligen sollte.

Also Bahn frei für chinesische Investoren?

Wir können von China nicht mehr Marktwirtschaft und weniger staatliche Eingriffe fordern und zugleich selbst immer mehr in die Privatwirtschaft eingreifen. Es ist ein schwerer Eingriff ins Eigentum, einem Unternehmer vorzuschreiben, ob und wie er seine Firma verkaufen kann. Mit dem in der Verfassung verankerten Eigentumsrecht ist das nicht in Einklang zu bringen.

Das klingt ein bisschen so, als würden Sie die direkte Auseinandersetzung mit China scheuen…

Keineswegs. Aber der Handelsstreit zwischen den USA und China spielt Europa doch in die Karten. China braucht technologische Unterstützung. Die werden sie aber nur bekommen, wenn sie sich an die internationalen Spielregeln halten. Diese Karte muss man jetzt spielen und den Druck klug erhöhen. Nochmals: Weniger Staatseingriff muss das Ziel sein, nicht mehr. Das gilt für China, aber auch für Deutschland.

Fragen: Walther Rosenberger