In diesen Tagen häufen sich die Feiern zu 70 Jahren Marktwirtschaft: Es geht um die Abschaffung der Preiskontrollen 1948 und die Währungsreform. Beides ist untrennbar mit Ludwig Erhard verbunden. Fast 90 Prozent der Deutschen verbinden ihn mit seinem Programm: „Wohlstand für Alle“. Adenauer, Schmidt, Brandt sind vielfach Unbekannte neben ihm. Auf Erhard berufen sich alle – sogar die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Sarah Wagenknecht.

Ein weiteres Museum Erhard-Museum wird eröffnet. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat gerade einen Saal in seinem Ministerium nach ihm benannt, was Erhard in der Ahnenreihe wieder über seine Nachfolger stellt. Auch über Karl Schiller, den Nachfolger, dessen Verschuldungs-Politik so konträr zu Erhard stand.

Erhard verlangte Verantwortung

Spätestens da könnte man meinen, Erhard und die soziale Marktwirtschaft hätten gesiegt. Aber es ist nicht alles eine harte D-Mark, was da aufpoliert wird. So diskutierten im Rahmen der derzeitigen Jubiläums-Feierlichkeiten auch die Vertreter des Tarifkartells miteinander – der Präsident des Arbeitgeberverbandes und der DGB-Chef, geladen als „Säulen“ der sozialen Marktwirtschaft. Dabei war Erhard kein Freund des Tarifkartells. Im Gegenteil. Er hat es als gespenstisch geschmäht. Für ihn waren solche Verbände ein Gräuel. Er verlangte die persönliche Verantwortung, gerade beim Unternehmer: „Er ist nur so lange freier Unternehmer, wie er Risiken und Chancen gleichermaßen tragen will. Es geht nicht an, dass er nur die Chancen wahrnehmen und die Risiken durch die Anrufung des Staates abwenden will“. Das sollte man all den neuen deutschen Subventionsjägern entgegenhalten. Stattdessen wird die organisierte Verantwortungslosigkeit weiter ausgedehnt. Auch die neuen Formen der Arbeit, wie sie das Internet ermöglicht, die Loslösung der Arbeit vom festen Platz am Fließband, sollen von den Tarifparteien eingehegt werden, so die Forderung. Eine solche Forderung hätte Ludwig Erhard gruseln lassen. Denn Erhard war kein Konservativer, der die Strukturen von gestern betonieren wollte. Er hat sie aufgebrochen. Anders ist seine Preisfreigabepolitik nicht zu verstehen.

Alle waren gegen die Preisfreigabe

Die Wissenschaft, die Politik und Unternehmer waren allesamt dagegen, die Gewerkschaften organisierten den Generalstreik, die Wissenschaftler wiesen nach, dass die Wartezeit nach Särgen sieben Jahre betragen würde ohne staatliche Planaufstellung. Die plötzliche Aufhebung von Preisvorschriften traf die damals staatlich gelenkte Planwirtschaft mit Wucht. Ebenso schnell hat sie Wohlstand für alle gebracht.

Erhard war ein Putschist der Marktwirtschaft, kein behäbiger Sozialonkel mit Zigarre, der betulich Sozialstaatsgeschenke an seine Lieben verteilt. Seine Forderung heute wäre: den Sozialstaat wieder schrumpfen, Verschuldung bekämpfen, die Regulierung runterregulieren, Verantwortung einfordern und den Rechtsstaat stärken.

Stattdessen wird Ludwig Erhard in einem neuen Museum als bunter Plastik-Gartenzwerg gezeigt – so meint man sich von wahrer Größe ironische distanzieren zu müssen. So wird Erhard ungefährlich – und die Marktwirtschaft kann ruhig einschlafen.