Der Discounter Lidl weitet sein Angebot an Bio-Produkten aus und kooperiert mit dem Verband Bioland. Ab November soll es einzelne Bioland-Produkte wie Äpfel und Kräuter in deutschen Lidl-Filialen geben. Anfang kommenden Jahres soll die Umstellung nahezu aller Molkereiprodukte der Bio-Eigenmarke auf Bioland-Standards folgen, ebenso wie Mehl, Kartoffeln und weiteres Gemüse. Dass einer der führenden Discounter jetzt mit der Edel-Bio-Marke zusammen arbeitet, bietet für die Öko-Landwirtschaft durchaus Chancen, birgt aber auch Risiken.

Bioland ist der führende Verband für ökologischen Landbau in Deutschland. Beteiligt sind mehr als 7300 Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer.

  1. Was hat der Discounter Lidl mit seinem Bio-Sortiment vor? Die Bio-Eigenmarke von Lidl, Bio Organic, trägt das EU-Biosiegel. Der Anbauverband Bioland stellt dagegen viel strengere Ansprüche an seine Bauern. So müssen diese etwa den gesamten Betrieb auf Bio-Landwirtschaft umstellen, beim EU-Biosiegel ist ein Nebeneinander mit konventioneller Landwirtschaft möglich. Die Tiere haben mehr Platz und der Einsatz von Medikamenten ist strenger geregelt. Der Discounter Lidl möchte nun die Produkte seiner Bio-Eigenmarke ab November schrittweise so umstellen, dass sie die strengeren Bioland-Kriterien erfüllen.
  2. Die Biobranche in Deutschland wächst seit Jahren. Hat Bioland eine solche Kooperation nötig? Rein wirtschaftlich eher nicht. Händler wie Erzeuger dürfen sich seit Jahren über ein Wachstum von 10 Prozent jährlich freuen, ein Ende ist nicht in Sicht. Das Problem aber ist, dass die heimischen Anbauflächen längst nicht mehr ausreichen, um diesen wachsenden Bio-Markt, der in Deutschland inzwischen gut 5 Prozent des gesamten Umsatzes mit Lebensmitteln ausmacht, zu bedienen. Viele heimische Landwirte sehen aber trotz der hohen Nachfrage bislang nicht genug Anreize, ihre Höfe umzustellen, weil sie während der dreijährigen Umstellzeit weniger Einnahmen haben. Deshalb müssen viele Händler auf Ware aus dem Ausland zurückgreifen, dann kommt die Bio-Zwiebel eben aus China. Das aber widerspricht einem Teil der Bio-Idee: der Regionalität. Bioland erhofft sich durch die Kooperation nun, mehr Landwirte zum Umstieg zu bewegen. Die Verträge mit Lidl sollen so angelegt sein, dass die Erzeuger von langfristigen Lieferverträgen und auskömmlichen Preisen profitieren. „Lidl als großer Abnehmer kann durchaus ein zusätzlicher Anreiz für die Bauern sein, ihre Betriebe auf biologische Landwirtschaft umzustellen“, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Gleichzeitig bringe ein solch großer Partner die Erzeuger auch in ein Abhängigkeitsverhältnis. „Und das kann natürlich auch immer missbraucht werden.“
  3. Ein Discounter, der für seine aggressive Preispolitik bekannt ist und ein traditionsreicher Bio-Anbauverband, der für Transparenz und faire Preise steht – wie passt das zusammen? Gar nicht, sagt Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren, und sieht ein Glaubwürdigkeitsproblem. „Lidl wird weiterhin 95 Prozent seines Umsatzes mit Produkten aus der Pestizid-Landwirtschaft machen und bei deren Erzeugern die Preise drücken.“ Sie fordert, Lidl solle zunächst die Probleme angehen, die der Großteil des Sortiments verursache. Und nicht durch eine aggressive Preispolitik in der konventionellen Landwirtschaft die in der Herstellung eigentlich teureren Bioprodukte quersubventionieren – um sie dadurch doch wieder billig anbieten zu können. Bioland dagegen betont, Lidl habe sich vertraglich dazu verpflichtet, die Bioland-Produkte nicht über den Preis zu vermarkten, sondern über die höhere Qualität.
  4. Was hat Lidl dazu bewogen, die Kooperation einzugehen? Der offensichtlichste Grund ist, weiter vom Wachstum im Biobereich zu profitieren und die jüngere Zielgruppe zu gewinnen, der Transparenz und Qualität wichtig sind. Mit dem klassischen Discounter-Sortiment gelingt das nicht mehr, dafür haben sich die Ernährungsgewohnheiten mit bio, vegan oder laktosefrei zu stark differenziert. Und dann ist da noch der Konkurrenzkampf etwa mit Aldi. „Lidl hat hier die Konzeptführerschaft übernommen und versucht sich, mit immer neuen Ideen abzugrenzen, um Marktanteile zu gewinnen“, sagt Handelsexperte Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Zieht die Konkurrenz nach – wie etwa bei den Backshops -, braucht es eine neue Idee. Und die heißt jetzt Bioland. Aber auch hier schläft die Konkurrenz nicht. So soll es derzeit Gespräche zwischen der Handelskette Kaufland und dem Bio-Anbauverband Demeter geben.
  5. Zahlt der Verbraucher für die Bio-Produkte bei Lidl künftig mehr? Konsequent wäre das. Denn die Produktion nach den strengeren Bioland-Kriterien ist teurer als für das EU-Biosiegel, welches Lidl bislang für seine Eigenmarke verwendet hat. Außerdem hat sich Lidl vertraglich dazu verpflichtet, die Bioland-Produkte nicht über den Preis zu vermarkten. Allzu groß dürfte der Preisanstieg dennoch nicht ausfallen. „Lidl verfügt über ein viel größeres und effizienteres Distributionssystem als beispielsweise die Naturkostfachgeschäfte." Das werde sich dämpfend auf den Preis auswirken, sagt Experte Rüschen.