Dass das Land Baden-Württemberg finanziell vom Bierdurst seiner Einwohner profitiert, ist bekannt. Ein zweistelliger Millionenbetrag landet alljährlich über die landeseigene Beteiligungsgesellschaft als Eigner der Badischen Staatsbrauerei Rothaus im Haushaltssäckel. Dass es aber auch nach nunmehr knapp neun Jahren Landesregierung unter grüner Ägide noch immer kein Bio-Bier aus der quasi hauseigenen Brauerei im Südschwarzwald gibt, ist speziell den Freunden von Hopfen, Malz und Reben in der grünen Landtagsfraktion schon länger ein unliebsamer Missstand. „Landesunternehmen müssen bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit gutem Beispiel vorangehen“, verlangt der agrarpolitische Sprecher der Landtags-Grünen und Bio-Landwirt vom Bodensee, Martin Hahn.

Eine Nische mit Potenzial?

Hahn und sein Fraktionskollege Reinhold Pix, selbst Öko-Winzer im Südbadischen und Sprecher des Arbeitskreises Ländlicher Raum, drängen schon seit geraumer Zeit auf die Herstellung eines landeseigenen Bio-Biers. Zumindest aber darauf, dass die Staatsbrauerei bei der Produktion auf möglichst viele Rohstoffe aus heimischer Öko-Landwirtschaft zurückgreift. „Bio-Bier – das ist eine Nische mit Potenzial“, meint Agrarexperte Hahn. „Bio wächst in einem stagnierenden Marktumfeld. Auch im Brauereigewerbe wird der Einsatz von ökologisch angebauten Rohstoffen in den kommenden Jahren wichtiger werden. Der Marktführer im Bio-Bierbereich konnte 2018 seinen Absatz um sechs Prozent steigern.“

Komplette Strategie ausgearbeitet

Doch mehr als um ein offenes Ohr und werbende Gespräche bei Rothaus-Geschäftsführer Christian Rasch bitten können auch die Grünen nicht, Regierungsfraktion hin oder her. Hahn erstellte daher in einem internen Fraktionspapier schon Ende 2018 eine auf aktuellen Biermarkt- und Getreideanbau- und Ertragszahlen erstellte Strategie, um seinem Ziel von einem eigenen Bio-Bier des Landes näher zu kommen und Überzeugungsarbeit bei der Rothaus-Geschäftsführung zu leisten. „Das Ziel bis 2022 muss heißen: 20 Prozent Öko-Braugerste- und Brauweizeneinsatz in der Staatsbrauerei Rothaus“, formuliert Hahn seine Vorstellung. Nach der Modellrechnung entspricht das bei der derzeitigen Rothaus-Verarbeitung von jährlich rund 15000 Tonnen Braugerste rund 3000 Tonnen Ökobraugerste pro Jahr. Für 4000 Tonnen jährlich als mittelfristige Zielmarke wirbt Hahn – und möglichst für eine eigene Produktlinie Bio-Bier.

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100 statt 3000 Tonnen Bio-Getreide

Doch bis dahin dürfte es für die Freunde ökologischen Gesrtansaftes noch eine lange Durststrecke werden. Rothaus-Chef Rasch will, so hat er nach einer gemeinsamen Sitzung mit den Agrarexperten von Grünen und CDU mitgeteilt, zunächst einmal lediglich 100 Tonnen Bio-Getreide einkaufen und versuchsweise in einer der vier Mälzereien des Unternehmens verarbeiten lassen. „Ein wichtiges Signal“ nennt Hahn dennoch diesen kleinen Erfolgstropfen auf dem Weg zu seinem ersehnten Bio-Zäpfle und ermuntert den Rothaus-Chef, den Versuch doch auf alle Mälzereien auszuweiten. Einstweilen aber regiert in der landeseigenen Rothaus-Brauerei nicht die Ökologie, sondern die Ökonomie.

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