Geschäfte in Großbritannien und in den USA werden für deutsche Mittelständler immer unberechenbarer. „Der Brexit könnte zum Mittelstandsexit werden“, fasst Karl Manfred Lochner, der für Unternehmenskunden zuständige Vorstand der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), eine große Umfrage seines Hauses und des Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) zusammen. 40 Prozent der Mittelständler stufen demnach Großbritannien als Markt negativ ein und damit schlechter als die Krisenregionen Nahost und Nordafrika. Und der kritische Blick der befragten Unternehmer auf die USA hat für Lochner nur eine Ursache: „Präsident Trump hat da ganze Arbeit geleistet.“ Der Mittelstand wäre Opfer eines sich weiter verstärkenden Protektionismus.

Doch die beiden wirtschaftlichen Krisenherde beeinträchtigen die ungewöhnlich gute Stimmung der Mittelständler überhaupt nicht. „Die Wachstumsrallye könnte nur durch sehr harte geopolitische Einschläge gebremst werden“, betont Lochner. Fast 90 Prozent der Mittelständler beurteilen die wirtschaftlichen Aussichten für die nächsten sechs Monate als gut oder sogar als sehr gut. Die Pessimisten, die von einer Verschlechterung ausgingen, seien mit weniger als einem Prozent kaum wahrnehmbar. „Diese Ergebnisse sind robust und einmalig für den Mittelstand“, ordnet IAW-Studienleiter Bernhard Broockmann die Zahlen ein.

Die LBBW will ihren gestern erstmals veröffentlichten Mittelstandsradar künftig alle sechs Monate erstellen lassen. „Das wird für uns in Zukunft einen festen Stellenwert bekommen“, sagt Lochner. Der Mittelstand sei für die Bank von existenzieller Bedeutung. Die Eigentümer, Geschäftsführer oder Finanzvorstände von 300 Firmen aus dem ganzen Bundesgebiet mit Jahresumsätzen zwischen 15 und 250 Millionen Euro gaben für die umfangreiche Studie Auskunft über ihre Einschätzungen und Absichten.

„Die Unternehmen schätzen die Lage besser ein als die Erwartungen. Das ist gesunde Skepsis“, fasst LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert die aktuelle Stimmung zusammen. IAW-Studienleiter Bernhard Broockmann macht darauf aufmerksam, dass die Mittelständler in Baden-Württemberg auf einem extrem hohen Niveau seien und trotzdem positiv auf die nächsten sechs Monate blickten. Die Firmen im Südwesten hätten im Vergleich mit der Konkurrenz in anderen Ländern die Nase vorne. Als Beispiel nennt Broockmann die Digitalisierung, die als zentrale Herausforderung der Unternehmen gilt. Bundesweit würden 75 Prozent der Mittelständler ihren Investitionsschwerpunkt für die nahe Zukunft in der Informationstechnologie und Digitalisierung sehen. In Baden-Württemberg liege diese Quote sogar bei 86 Prozent. Lochner ist überzeugt, dass der Mittelstand diese Herausforderung besser stemmen wird als viele Großunternehmen. Manche hätten etwas länger gewartet, aber jetzt werde die Umstellung durchgezogen. Vier Fünftel der Betriebe sehen sich in diesem Bereich inzwischen gut aufgestellt.

Ungewöhnlich positiv bewerten die Mittelständler auch den Standort Deutschland. Spitzenwerte gibt es für die Absatzaussichten, die wirtschaftlichen Perspektiven und die Qualität als Produktionsstandort. „Aber nicht alles ist Gold“, schränkt Lochner ein. 80 Prozent der Firmen klagen über fehlende Fachkräfte. Die 800 000 offenen Stellen seien ein echtes Problem. Zugleich verweist Lochner darauf, dass 68 Prozent der Befragten ihre Kostenstruktur verbessern wollen. Das sei „die wichtigste Aufgabe im nächsten halben Jahr“.