Nach Plänen von Baden-Württembergs Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller (Grüne) soll das zentrale Stromleitungsprojekt Deutschlands der kommenden Jahrzehnte deutlich größer ausfallen als bislang geplant. Man müsse darüber diskutieren, "ob das Südlink-Projekt nicht besser gleich mit einer Kapazität von sechs Gigawatt umgesetzt werden soll, anstatt wie bislang geplant mit nur vier Gigawatt", teilte Untersteller am Montag in Stuttgart mit.

Leitung wird unter der Erde verlegt

Die zehn Milliarden Euro schwere Südlink-Stromleitung ist eine von insgesamt drei Stromautobahnen, die in Zukunft Energie aus den windreichen Küstenregionen Deutschlands in die industriellen Zentren Süddeutschlands leiten soll. Von den drei Stromtrassen – Ultranet im Westen und Südostlink im Osten – ist die zentral durch Niedersachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg verlaufende Südlink die umstrittenste. Aktuell ist sie rund drei Jahre im Verzug, nachdem Bayern 2016 in letzter Minute eine weitgehend unterirdische Verlegung der insgesamt 700 Kilometer langen Trasse durchgesetzt hatte. Folge war eine langwierige Neuplanung.

Reicht die Kapazität nicht aus?

Bei ihrem Vorstoß, die Leitung jetzt um die Hälfte leistungsfähiger auszubauen, argumentiert die baden-württembergische Landesregierung mit dem künftigen Ökostrom-Aufkommen in Deutschland. Grob gesagt sei dieses viel größer als die derzeit geplante Kapazität der Leitung. Der Grund: Im 2018 ausgehandelten Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist von einem Anteil erneuerbarer Energien von bis zu 65 Prozent bis zum Jahr 2030 die Rede. Der Großteil davon Windstrom aus Norddeutschland. Die im Jahr 2017 abgeschlossene Bedarfsplanung für die Stromtrassen – der sogenannte Netzentwicklungsplan – geht dagegen noch von weitaus weniger Ökostrom in den Leitungen aus. Vor diesem Hintergrund sei es weitaus einfacher, beim Trassenbau eine zusätzliche Leitung "in den ohnehin offenen Graben zu legen, als ein paar Jahre später wieder ein hochkomplexes Genehmigungsverfahren und aufwändige Erdarbeiten durchführen zu müssen“, argumentiert daher Untersteller.

Baden-Württembergs führender Netzbetreiber, die EnBW-Tochter TransnetBW, unterstützt den Vorstoß grundsätzlich. "Wir stehen einer vorausschauenden Planung grundsätzlich offen gegenüber", sagte eine TransnetBW-Sprecherin dem SÜDKURIER. Klar sei, dass bei einer Erreichung des 65-Prozent-Ziels bis 2030 "zusätzlicher Nord-Süd-Transportbedarf" entstünde.

Süddeutschland bei Windstrom abgehängt

Das Problem wird aktuell verschärft, weil in Süddeutschland fast keine neuen Windanlagen mehr geplant werden, die Stromtransporte aus dem Norden ersetzen könnten. Die Zahl der Genehmigungsanträge ist seit 2016 eingebrochen, was mit der sinkenden staatlichen Förderung zusammenhängt.