Herr Hüttenberger, alle Welt redet von Greta Thunberg und Fridays for Future. Spielt Ihnen das neue Interesse an Klimathemen in die Karten?

Hüttenberger: Für uns ist diese Diskussion vorteilhaft. Klimaschutz gehört seit Jahrzehnten sozusagen zur DNA von Sto. Wir sind weltweit, vor allem aber in Deutschland Marktführer bei Wärmedämmverbundsystemen, also einer zentralen Maßnahme, Kohlendioxid im Haus- und Gebäudebereich einzusparen. Durch die weltweit verbauten Sto-Fassadendämmungen haben Bauherren und Mieter bislang das Äquivalent von rund 103 Milliarden Litern Heizöl eingespart. Das sind etwa 3,7 Millionen Tanklastzugladungen. Von daher unterstützen wir die Ziele von Fridays for Future. Im Bereich der Wohnungswirtschaft müssen Anreize geschaffen werden, in Maßnahmen zu investieren, die CO2 einsparen.

Geht Ihnen der Klimaschutz in Deutschland schnell genug?

Hüttenberger: Nein. Ganz und gar nicht. Klimaschutz wird hierzulande politisch leider viel zu zögerlich angepackt. In Ländern wie Tschechien oder der Slowakei werden pro Jahr und Kopf etwa drei Mal so viele Fassadendämmungen aufgebracht wie in Deutschland. Hierzulande werden dagegen wichtige klimapolitische Entscheidungen auf die lange Bank geschoben, andere revidiert oder abgemildert. Aktuelles Beispiel ist die Diskussion um die steuerliche Absetzbarkeit von Kosten, die im Rahmen einer energetischen Sanierung anfallen, also zum Beispiel Dämmkosten. Das ist politisch seit Jahren ein einziges Hin und Her, obwohl das Instrument, sicher zu mehr Investitionen führen würde. Das schlägt sich übrigens auch in unseren Geschäftszahlen nieder. Vor einem Jahrzehnt hat die Branche beispielsweise deutlich mehr Dämmungen abgesetzt als heute. Obwohl der Markt verloren hat, haben wir an Bedeutung gewonnen. Der gesamte Markt ist aber um etwa ein Viertel geschrumpft.

Woran liegt das, Herr Wöhrle?

Wöhrle: Um sich für eine Fassadendämmung zu entscheiden, brauchen Bauherren Planungssicherheit, denn die Gebäudehülle hat mit ca. 30 bis 100 Jahren eine sehr lange Lebensdauer. An der nötigen Verlässlichkeit für Bauherren hat es die Politik in der Vergangenheit fehlen lassen. Nehmen Sie als Beispiel das Gebäudeenergiegesetz, das das Energieeinsparrecht für Gebäude entbürokratisieren und vereinfachen soll. Seit beinahe 2,5 Jahren wird ein Gesetzesentwurf diskutiert, noch immer läuft hierüber die Abstimmung. Das dauert viel zu lange. Man muss immer bedenken: Im Gebäudebestand und Neubau liegt ein entscheidender Schlüssel für die Einhaltung unserer nationalen CO2-Ziele. Gut 30 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes entfallen auf diesen Bereich. Ohne energieeffiziente Gebäude wird die Energiewende kaum gelingen. Wenn nicht erreicht wird, die Sanierungsquote bei Gebäuden pro Jahr auf mindestens gut 2 Prozent zu verdoppeln, werden wir die Klimaziele auch langfristig reißen. Äußerst hilfreich sind Anreize, etwa in Form der steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Dass solche Anreize gut funktionieren, hat vor einigen Jahren die Abwrackprämie im Automobilbereich gezeigt.

Blick auf den Sitz von Sto in Stühlingen. Bild: Sandra Holzwarth
Blick auf den Sitz von Sto in Stühlingen. Bild: Sandra Holzwarth | Bild: Holzwarth, Sandra

Wie lief das Jahr 2018 für Sto?

Wöhrle: Wir haben den Umsatz gesteigert, konnten den Gewinn allerdings nicht auf Vorjahresniveau halten.

Warum die Gewinnschwäche?

Wöhrle: Einzelne Rohstoffe wie zum Beispiel Farbpigmente oder Bindemittel sowie verschiedene Zukaufprodukte haben sich stark verteuert, und das konnten wir durch Preiserhöhungen nicht komplett kompensieren. Für bestimmte Rohstoffe gibt es mittlerweile teilweise so wenige Anbieter, dass der Ausfall einer einzigen Produktionsanlage die Preise explodieren lässt. Das war beispielsweise im vergangenen Jahr der Fall, als ein finnisches Werk für das Weißpigment Titandioxid ausfiel. Natürlich haben wir eine Mehr-Lieferantenstrategie, um so etwas zu vermeiden. Aber selbst das hilft nicht immer. Die Konzentrationstendenzen im Zulieferbereich werden weitergehen, das wird uns daher weiter beschäftigen.

Wird Sto seine 2022er-Ziele erreichen, also die 2 Milliarden Umsatz und die zehn Prozent Umsatzrendite knacken?

Hüttenberger: Das Ziel ist ambitioniert, aber wir verfolgen es mit Nachdruck. Seit 2012 ist der Markt in Deutschland mit Wärmedämmverbundsystemen um 25 Prozent eingebrochen. Das hat deutliche Spuren auch bei der Profitabilität von Sto hinterlassen. Wir müssen daher stärker als bisher kostenbewusst wirtschaften und insbesondere Prozesse optimieren. Ich denke da an den Vertrieb, die IT, aber auch generell an die Digitalisierung. Wir müssen auch unsere Innovationsanstrengungen verstärken. Zugleich werden wir beispielsweise durch unsere fortgesetzte Internationalisierung weiter wachsen und können dann, aufgrund von höheren Einkaufsvolumina, auch bessere Einkaufspreise von Rohstoffen durchsetzen.

Sto hat im Jahr 2019 noch keinen funktionierenden Online-Shop, in dem Kunden Produkte ordern können. Erklären Sie das doch mal?

Wöhrle: Unsere Kunden sind in der Regel Handwerksbetriebe, also beispielsweise Maler und Stuckateure. Sie stehen im ständigen Kontakt zu ihrem persönlichen Sto-Berater, der sie vielfältig unterstützt und mit ihnen individuelle Lösungen entwickelt. Standard-Materialbestellungen laufen heute meistens über klassische Bestellwege wie Telefon oder Email. Diese Bestellungen können künftig auch über den Webshop abgewickelt werden, der Ende des Jahres online gehen soll. So ist die Planung.