Bis tief in die Nacht gingen die Verhandlungen zwischen der Geschäftsführung des Autozulieferers Marquardt, der IG Metall und dem Betriebsrat am Dienstag vor einer Woche. Dann stand fest: Ein Milliardenauftrag von Porsche wird nicht am Stammsitz des Familienunternehmens in Rietheim-Weilheim nahe Tuttlingen abgearbeitet. Dieser hätte rund 200 Jobs in Baden-Württemberg über Jahre gesichert.

Jetzt kommt es wahrscheinlich anders. Am späten Dienstag dieser Woche kündigte der Automobilzulieferer an, bis Ende 2021 rund 600 Stellen aus Kostengründen von den baden-württembergischen Standorten Rietheim und Böttingen nach Rumänien, Mazedonien und Tunesien zu verlagern. Und der Porsche-Auftrag könnte in Ostdeutschland abgewickelt werden.

Marquardt: Viele Produkte am Hochlohnstandort nicht mehr wettbewerbsfähig

Als in der Region verwurzeltes Familienunternehmen falle Marquardt dieser Schritt sehr schwer, sagte Firmen-Chef Harald Marquardt. Viele Produkte könnten am Hochlohnstandort Baden-Württemberg aber nicht mehr wettbewerbsfähig produziert werden. Die hiesigen Werke stünden unter erheblichem Kostendruck. „Wir mussten das entscheiden, solange wir noch entscheidungsfähig sind“, sagte Marquardt.

Unternehmens-Zentrale in Rietheim, nahe Tuttlingen.
Unternehmens-Zentrale in Rietheim, nahe Tuttlingen. | Bild: Marquardt GmbH

Tatsächlich entwickelt sich das Ausland zusehends zum tragenden Standbein des Unternehmens. In China baut der Zulieferer gerade ein neues Werk auf, Kapazitäten in Tunesien werden erweitert. Insbesondere Baden-Württemberg verliert als Produktionsstandort an Bedeutung. Um den Porsche-Auftrag zu bedienen, diskutiere man den Aufbau eines Werks in Ostdeutschland, sagte Marquardt. Entsprechende Überlegungen bezeichnete er als „sehr konkret“.

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Dort hat der Mechatronikspezialist bereits ein Werk – im thüringischen Ichtershausen. Die Lohnkosten sind dort niedriger als in Westdeutschland. Nach Darstellung des Unternehmens sind die hohen West-Löhne entscheidend dafür, dass der Stammsitz beim Porsche-Auftrag nicht zum Zuge kam. Um die Option dennoch offen zu halten, sei man in Verhandlungen mit den Arbeitnehmern über Zugeständnisse getreten. Am Ende habe zwischen den Vorstellungen der IG Metall und der Geschäftsführung ein Betrag im „erheblichen zweistelligen Millionenbereich“ gelegen, sagte Marquardt.

Nach Angaben der IG Metall hätten die Arbeitnehmer auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld und ein jährliches Zusatzentgelt verzichten müssen. Dazu auf freie Tage sowie auf 52 Überstunden pro Jahr. „Das ist nicht tragbar“, sagte der 2. Bevollmächtigte der IG Metall in Albstadt, Klaus-Peter Manz. Ähnlich klingt es vom Betriebsrat. Der Porsche-Auftrag müsse nach Rietheim kommen, sonst gebe es am Stammsitz „bald keine Produktion mehr“, sagte Marquardt-Betriebsratschef Antonio Piovano.

Hälfte der Marquardt-Produktionsjobs im Südwesten in Gefahr

Von den rund 2700 Mitarbeitern in Rietheim-Weilheim und im benachbarten Böttingen arbeiten etwa 700 in der Produktion. Macht der Autozulieferer seine Pläne wahr, fallen rund 300 dieser Produktionsjobs weg, der Rest verteilt sich auf andere Konzernfunktionen.

Ziel sei es, den Personalabbau sozialverträglich zu gestalten, sagte Marquardt-Personalchef Thomas Braun. Dazu soll die altersbedingte Fluktuation genutzt werden. „Auch Abfindungen wird es geben“, sagte Braun. Ohne betriebsbedingte Kündigungen werde es aber nicht gehen. Piovano sagte, würden die Pläne umgesetzt, bliebe „kein Stein auf dem anderen“. Die Transformation müsse ohne Kündigungen gestemmt werden.

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Der auf Bedienelemente und Mechatronik spezialisierte Zulieferer Marquardt wird seine Umsatzprognose von rund 1,4 Milliarden Euro für 2019 nicht halten und stattdessen auf dem Vorjahresniveau von 1,3 Milliarden Euro landen. Aufgrund der jährlichen Rabattrunden der Kunden bedeute ein Nullwachstum real Einbußen, sagte Marquardt. Seit Dezember 2018 sei jeder Monat beim Umsatz „unter Plan“ gewesen.

Enormer Kostendruck

Der Kostendruck der Automobilwirtschaft sei enorm, und der Wettbewerbsdruck steige, da immer mehr Zulieferer in von den Rietheimern besetzte Produktsegmente drängen. Außerdem belaste der Handelsstreit zwischen den USA und China das Unternehmen erheblich.