Der massive Jobabbau bei der Deutschen Bank, bei Audi, Siemens und anderen Schwergewichten verstärkt die Sorge, dass es mit dem Daueraufschwung der deutschen Wirtschaft bald vorbei sein könnte. Bisher ging es allen internationalen Ungewissheiten wie Handelskriegen oder Brexit zum Trotz bergauf. Die Arbeitslosigkeit ist historisch niedrig, die Exportzahlen sind besser als vor einem Jahr und Fachkräfte werden dringend gesucht. Zugleich stellen Industrieunternehmen wieder vermehrt auf Kurzarbeit um oder streichen tausende Arbeitsplätze gleich ganz. Wie passt das zusammen?

Niedrige Entlassungsquote

Enzo Weber, Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, hat dafür eine ganz einfache Erklärung. „Wenn große Konzerne Stellen abbauen, sorgt das immer für sehr viel Aufmerksamkeit“, sagt er. Aber gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten – übrigens so viele wie nie zuvor in Deutschland – sei der Anteil der Menschen, die in den vergangenen Monaten ihren Job verloren haben, immer noch sehr gering. „Wir haben die niedrigste Entlassungsquote seit der Wiedervereinigung“, erklärt der Arbeitsmarktexperte. Kurzarbeit sei inzwischen in Deutschland ein anerkanntes Mittel, um Arbeitsplätze zu sichern.

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Dass die fetten Jahre zu Ende gehen werden, bestreitet der Experte nicht. Er sieht darin jedoch keinen Grund, düstere Untergangsszenarien zu zeichnen. „Unsere Prognose ist es, dass der Arbeitsmarkt da recht robust hindurchkommt“, sagt Weber und erklärt auch, warum: Der massive Stellenaufbau der vergangenen Jahre habe weitgehend unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung stattgefunden. Ein entscheidender Faktor für die Jobsicherheit sei vielmehr, dass Firmen um Fachkräfte konkurrieren. „Da überlegt man sich ganz genau, ob man jemanden entlässt.“ Der Arbeitsmarktexperte geht davon aus, dass viele Menschen, die nun ihre Stelle in Großkonzernen verlieren, schnell eine Alternative finden.

Hausgemachte Problemen

Manche Firmen – oder ganze Branchen – kämpfen aber auch mit hausgemachten Problemen. Die Deutsche Bank etwa, die am Sonntag den Abbau von 18 000 Stellen verkündete, hat nach Ansicht von Insidern den nötigen Strukturwandel schlicht und einfach verschlafen. „Sie hat es versäumt, ihr Investmentbanking hinreichend abzubauen. Stattdessen wurden für schlechte Leistungen lange Zeit hohe Boni gezahlt“, sagt Finanzexperte Wolfgang Gerke. Er geht davon aus, dass noch weitere europäische Banken in Schwierigkeiten geraten werden.

Ein Grund für allgemeinen Pessimismus ist das allerdings noch nicht. Und wenn US-Präsident Donald Trump seinen Feldzug gegen deutsche Autobauer fortsetzt? Wenn die Briten die EU tatsächlich im Herbst verlassen – mit oder ohne Vertrag? Die fehlende Planungssicherheit ist nach Ansicht von Experten das größte Risiko für die deutsche Wirtschaft. Unternehmen, die nicht wissen, was auf sie zukommt, schieben Investitionen lieber auf und überlegen es sich ganz genau, ob sie offene Stellen besetzen oder sogar zusätzliche Arbeitskräfte anwerben.