Im Streit um das Töten von jährlich Millionen männlichen Küken hoffen Tierschützer auf einen Sieg vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Dort verhandeln die Richter am heutigen Donnerstag darüber, ob die Praxis gegen das Tierschutzgesetz verstößt oder nicht. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte das ethisch fragwürdige Vorgehen untersagt. Mehrere Brütereien klagten dagegen und setzten sich in der Vorinstanz vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster durch. Die wichtigsten Antworten zu der Debatte um das Tierwohl:

  1. Warum wird das Töten männlicher Küken vor Gericht verhandelt? 45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland jährlich getötet – weil sie keine Eier legen und bei der Mast nur langsam Fleisch ansetzen. Nun soll das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entscheiden, ob das mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Paragraf eins dieses Gesetzes zufolge darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid oder Schäden zufügen. Die Wirtschaftlichkeit eines Betriebes, der für die Mast männlicher Küken unverhältnismäßig hohe Ausgaben hätte, gilt nach bisheriger Lesart als solch ein vernünftiger Grund.
  2. Was sind die Alternativen zum Töten männlicher Küken? Damit sich das Mästen männlicher Küken lohnt, kann es beispielsweise quersubventioniert werden. Initiativen wie „Bruderhahn“ oder „Hähnlein“ verlangen etwa vier Cent mehr pro Hühnerei – und versprechen mit diesem Geld die männlichen Hähne mit aufzuziehen. Zudem gibt es Verfahren zur Geschlechterbestimmung bereits im Ei. Sie sind aber umstritten, weil nicht ganz klar ist, ab welchem Bruttag die Embryonen bereits ein Schmerzempfinden haben.
  3. Werden die Tierschutzgesetze in der Massentierhaltung generell eingehalten? Nein. „Seit Jahren werden hier mit großer Ignoranz geltende Gesetze gebrochen“, sagt Ina Müller-Arnke, Nutztierexpertin bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Das liegt insbesondere an der Nutztierhaltungsverordnung, welche das Tierschutzgesetz für den Nutztierbereich konkretisiert – dem Tierschutzgesetz dabei jedoch teilweise widerspricht. Hinzu kommt, dass landwirtschaftliche Betriebe nur selten daraufhin kontrolliert werden, ob sie sich an geltende Tierschutzmaßnahmen halten. „In der Regel passiert das nur alle 17 Jahre, in manchen Bundesländern sogar nur alle 48 Jahre. Und wenn dabei Verstöße aufgedeckt werden, so gibt es keine Sanktionen“, sagt Nutztierexpertin Ina Müller-Arnke von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten.
  4. Ist ein strengerer Tierschutz unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen der Landwirte überhaupt möglich? „Wenn unsere Gesellschaft sich mehr Tierwohl wünscht, müssen das die Verbraucher auch mittragen“, sagt Silke Rautenschlein, Direktorin der Klinik für Geflügel an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Als Beispiel nennt sie den seit 2017 geltenden freiwilligen Verzicht der Geflügelindustrie auf das Kupieren der Schnäbel bei Legehennen. „Damit man den Hühnern rechtzeitig anmerkt, falls sie sich picken wollen, muss man sie genau beobachten. Dazu braucht es mehr Personal. Und man muss sie besser beschäftigen. Das kostet Geld“, sagt Geflügel-Expertin Silke Rautenschlein.
  5. Kann man mit dem Kauf von Bioprodukten das Tierwohl unterstützen? Tiere auf Biohöfen haben mehr Auslauf, Schwänze und Schnäbel werden nicht kupiert. „Hörner aber werden auch hier ausgebrannt, es ist alles auch bei bio nicht alles super“, sagt Nutztierexpertin Ina Müller-Arnke von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Wer beim Kauf von Fleisch und anderen tierischen Produkten Wert auf mehr Tierschutz legt, sollte sich mit den verschiedenen Tierschutzlabeln beschäftigen, wie sie beispielsweise der Deutsche Tierschutzbund vergibt.

Auch diese Tiere müssen leiden

Ferkel stehen in Mecklenburg-Vorpommern in einer Box in einer Schweinezuchtanlage.
Ferkel stehen in Mecklenburg-Vorpommern in einer Box in einer Schweinezuchtanlage. | Bild: Jens Büttner

Das Kupieren von Schweineschwänzen: Beim Kupieren wird der Schwanz eines Ferkels gekürzt, damit die Tiere sich nicht gegenseitig beißen, verletzen und sich auf diesem Weg Infektionen zuziehen. Das Tierschutzgesetz erlaubt den Eingriff nur, wenn er zum Schutz des Tieres unerlässlich ist. Laut der Albert Schweitzer Stiftung für Tierschutz besitzen konventionell arbeitende landwirtschaftliche Betriebe allerdings meist eine entsprechende Stellungnahme des Tierarztes, so dass die Eingriffe routinemäßig stattfinden können. Die Ursache des Beißens wird damit nicht behoben: Freilebende Schweine wühlen sich den Großteil des Tages im Boden. In den Ställen ist ihnen langweilig – und dann beißen sie sich.

Es geht eng zu: Blick in einen Puten- Mastbetrieb in Niedersachsen.
Es geht eng zu: Blick in einen Puten- Mastbetrieb in Niedersachsen. | Bild: Carmen Jaspersen

Das Kürzen von Putenschnäbeln: Eigentlich ist das Kürzen von Putenschnäbeln laut Tierschutzgesetz nur in Ausnahmefällen erlaubt. „Auch hier werden jedoch routinemäßig Ausnahmegenehmigungen erteilt, so dass alle Tiere flächendeckend kupiert werden“, sagt Nutztierexpertin Ina Müller-Arnke von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Die Eingriffe verhindern jedoch nicht das gestörte Verhalten der Tiere in den engen Ställen, sich zu picken und die Federn auszurupfen – sie mildern es nur ab. Nach dem Schnabelkürzen haben die Tiere Probleme damit, Futter zu suchen und ihr Gefieder richtig zu pflegen.

Zwei Kühe mit Hörnern stehen in Bayern auf einer Weide. Bilder: dpa
Zwei Kühe mit Hörnern stehen in Bayern auf einer Weide. Bilder: dpa | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

Das Enthornen von Kühen: Im Alter von wenigen Wochen werden den meisten Kälbchen mit einem 600 Grad heißen Brennstab die Hornanlagen heraus gebrannt – weil gehörnte Rinder mehr Platz im Stall brauchen und damit teurer sind als solche ohne Hörner. Dieser schmerzhafte Prozess darf dem Gesetz zufolge ohne Betäubung durchgeführt werden – einzelne Bundesländer haben hier inzwischen jedoch eine Betäubungs-Pflicht eingeführt. Tierschützern zufolge sind die Hörner wichtig für die Rinder, um soziale Rangordnungen klar zu stellen sowie zur Körperpflege. (lm)